Montag, 16. April 2018

Ich heirate eine Cousine

Vorurteile zur Entstehung einer körperlichen Beeinträchtigung gibt es viele. Auch viele hartnäckige. So werde ich regelmäßig gefragt, ob ich kurz nach Erwerb des Führerscheins einen Motorradunfall (oder ersatzweise einen selbst verschuldeten Autounfall) hatte. Teilweise getragen von Mitleid, teilweise aber auch von der Befürchtung, was diese junge Frau den Staat - und damit jeden einzelnen Steuerzahler - wohl alles kosten könnte. Dass diese Art von Fragen oftmals Menschen stellen, die sich abseits der Umsatzsteuer eher wenig an der Finanzierung des Allgemeinwohls beteiligen, ist natürlich auch ein Vorurteil.

Wer in Bio aufgepasst hat, weiß, dass es nicht der Storch ist, der die Augenfarbe der Babys bestimmt. Eine codierte Erbinformation gibt es von der Mutter, eine vom Vater, beide verschmelzen, und sofern keine Störfaktoren wie Gen-Mutationen oder Einflüsse auf die Produktion des farbgebenden Melanins vorliegen, bekommt das Kind blaue Augen. Aber nur, wenn nicht eins der beiden Elternteile grüne Augen vererbt, denn die gehen vor. Oder braune, die setzen sich gegen blau und gegen grün durch.

Soweit, so braun. Selbst wer braune Augen hat, kann ein überwältigtes blau in den Erbinformationen haben. Wenn der Partner dann blaue Augen hat, könnte das Kind auch nicht-braune Augen bekommen. Eine wesentliche Rolle spielt dabei vor allem, dass der genetische Code nicht so simpel ist, dass sich mit ihm drei Farben ganz einfach erklären lassen. Und genau das ist wichtig, wenn wir nicht alle gleich sein wollen. Vor allem nicht gleich krank. Wenn Papa eine bestimmte Form des Darmkrebs hat, profitiert das Enkelkind von jenen Informationen aus dem großen Genpool, die genau diesen unerwünschten Code nicht enthalten und idealerweise damit die weitergereichte Krebs-Bauanleitung überschreiben.

Die Chance, dass Verwandte ähnliche Erbinformationen tragen und weitergeben, nimmt mit jedem Kind, das innerhalb eines engen Familienkreises gezeugt wird, erheblich zu. Das sollte bei jedem, der Kinder zeugen kann, im Grundwissen verankert sein.

In Deutschland gab es 2015 rund 7,6 Millionen Menschen, die einen Schwerbehindertenausweis haben. Rund 174.000 davon waren unter 18 Jahren, das sind rund 9.000 Kinder und Jugendliche mehr als vier Jahre zuvor. Bei minderjährigen Menschen mit Migrationshintergrund sank diese Zahl laut Gesundheitsberichterstattung des Bundes (Robert-Koch-Institut und Statistisches Bundesamt) in diesen vier Jahren allerdings um 4,6 Prozent.

Und was sagt uns das?

Nichts. Rein gar nichts. Denn in unserem Land ist derzeit zum Glück niemand verpflichtet, seine gesundheitliche Einschränkung registrieren zu lassen. Ich kann selbst entscheiden, ob ich einen Schwerbehindertenausweis beantrage. Und selbst wenn ich einen besitze, kann ich ihn jederzeit zurückgeben und künftig auf diese Sozialleistung verzichten. Ich kenne genügend Eltern, die überhaupt nicht darüber nachdenken, für ihr Kind so ein Ding zu beantragen. Und falls man in Deutschland sowieso keine Steuern zahlt, fällt ein wesentlicher Vorteil, nämlich eine Vergünstigung der Einkommenssteuer, ohnehin flach.

Es gibt also keine Verpflichtung, so ein Ding zu beantragen. Es gibt folglich in Deutschland derzeit auch keine Verpflichtung, sich durch eine gelbe Armbinde mit drei schwarzen Punkten, mit einem gelben Blitz mit schwarzem Rand oder durch einen gelben sechszackigen Stern auf dem Hoodie zu kennzeichnen - oder sich einem Gentest zu unterziehen, der bei Behinderung auch für die Eltern verpflichtend und notfalls mit Haftbefehlen durchgesetzt wird. Entsprechend taugen bislang erhobene Zahlen auch meines behinderten Erachtens rein gar nicht für eine Auswertung, aus der sich weitere Schlussfolgerungen über Menschen mit Behinderung ziehen lassen. Und selbst wenn die Zahlen derjeniger, die einen Ausweis beantragt haben, als Grundlage für Informationen herangezogen werden, wären sie doch immerhin - und zumindest für die Zukunft - leicht manipulierbar.

Eine im Deutschen Bundestag vertretene Fraktion möchte derzeit von der Bundesregierung im Rahmen einer Kleinen Anfrage auf Grundlage dieser (!) statistischen Zahlen wissen, wie sich "die Zahl der Behinderten seit 2012 [...] insbesondere [...] die durch Heirat innerhalb der Familie entstandenen" entwickelt habe und "wie viele Fälle [davon] einen Migrationshintergrund" haben. (Quelle)

Durch Heirat innerhalb der Familie entstandene Behinderte?

Nun ja, man sollte nichts totschweigen. Und wenn man etwas für die Gesundheit unserer Kinder tun möchte, sollte man auch gleich weiterfragen: Wie oft verursachen Alkohol, Nikotin und andere Suchtgifte eine Einschränkung beim ungeborenen Kind aus muslimischen Familien? Das wäre kein Whataboutism, um Himmels Willen auch keine Rechtfertigung für tatsächlich bestehende Probleme, sondern nur konsequent. Und am Rande würde mich dann noch interessieren (falls noch Kapazitäten vorhanden sind): Wieviele Idioten sind eigentlich entstanden, nachdem ihnen jemand exzessiv in den Genpool gepinkelt hat? Und wieviel Prozent davon (aufgeschlüsselt nach Parteien) sitzen derzeit im Deutschen Bundestag?

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Behindertenausweis ist vielleicht die falsche Adresse, wobei man diskutieren könnte, ob die Anzahl derer, die aus welchen Gründen auch immer keinen Ausweis beantragen nicht immer und überall gleich hoch ist und von daher zu vernachlässigen.

Wie dem auch sei, die Regierung wird ja ggf. in der Lage sein, bei den Krankenkassen anzufragen, wieviele Therapien und Kinderrollstühle bezahlt wurden und da werden die Diagnosen ja akribisch übermittelt und dokumentiert.

Jule hat gesagt…

@9:27

Gleichzeitig nach absoluten Zahlen fragen und dann einen unbestimmbaren Anteil vernachlässigen?

Zum Thema Krankenkassen: Das funktioniert (abgesehen von der Zeit, die vergeht, bis alle 110 Krankenkassen diese Daten ausgewertet und zur Verfügung gestellt haben) genauso schlecht, denn selbständige Taxifahrer und Restaurantbesitzer sind privat versichert. Nicht alle Gesundheitsleistungen zahlen die Krankenkassen, nicht jede Einschränkung bedarf einer Therapie und nicht jede Ursache kann korrekt ermittelt werden. Sei es, dass die Mutter gar nicht wusste, dass sie mit dem Vater verwandt ist - oder das nicht zu Protokoll gibt.

velopix hat gesagt…

Antwort dazu
http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/19/016/1901623.pdf

Philipp hat gesagt…

Ich hab das dir Tage auch im Netz gesehen und musste das erst zwei mal lesen.

Mittlerweile kann man sich dem Eindruck nicht erwehren dass diese Partei durch diese kleinen "Grenzübertritte" sich einerseits in den Medien halten will, andererseits austesten will wie weit man gehen kann.

Das traurige ist aber auch dass Ich mir sehr gut vorstellen kann dass ganz, ganz viele Leute insgeheim hier auch denken "stimmt eigentlich, was kosten diese Behindis uns eigentlich und kann man da nicht was machen?".

Darf man ja aber natürlich nicht öffentlich sagen.

Da graust es einen wenn man den Gedanken weiterspinnt...

Da kann man Angst kriegen wo das noch hinführen soll.

Grüße aus Dresden

Philipp

Herr MiM hat gesagt…

Persönlich möchte ich an dieser Stelle anmerken, aber das ist meine persönliche Ansicht, dass zwar natürlich es absolut legitim und auch Aufgabe der Oposition ist, Fragen zu stellen.

Nur kenne ich solchen Blödsinn aus dem betrieblichen Alltag, wo absolut schwachsinnige Fragen, mehr Aufwand verursachen als Nutzen einbringen, weil ihr Inhalt an sich schon vermuten lässt, dass der Fragesteller zu lange frontal in die Mikrowelle geguckt hat.

Ich gebe zu, das war nicht sonderlich sachlich, mir aber eine Herzensangelegenheit.

Anonym hat gesagt…

Als Kind eines Behinderten Elternteils, frag ich mich immer noch wie dumm die Gesellschaft gerade im Umgang mit Behinderten immer noch ist. Es erstaunt, erschreckt und oft macht es mich immer noch wütend und traurig.Meine Mutter wurde damals als sie schwanger war allen ernstes noch gefragt, ob sie denn wüsste wie das mit Sex funktioniert. Tja sie wusste und weiß es.Wozu eine Statistik gut sein soll erschließt sich mir nicht. Was mich aber immer noch sehr stört. Wir reden zurzeit andauernd von Toleranz, Weltoffenheit, aber wo bleibt denn die Toleranz gegenüber Menschen mit Einschränkungen. Wo ist da die Toleranz, die Gleichberechtigung? Behinderte werden als Krűppel in den Medien beleidigt und niemand interessiert es.

Sven Uhl hat gesagt…

Ungesundes Volksempfinden. -Kotz.

Es sind einfach nahezu immer nur die Berührungsängste mit "behinderten" Menschen.
Wie soll man auch Erfahrung mit Ihnen machen, wenn Sie immer "weggesperrt" und versteckt werden.

Als wir in meiner DLRG Ortsgruppe das Schwimmen mit eingeschränkten Kids angefangen haben, (hauptsächlich mit Downsyndrom) meinte meine Mutter damals, sie könne das nicht, so mit "denen" umgehen.

Jetzt, gute 15 Jahre später, fährt sie als Zweitjob für den ASB "diese" Menschen durch die Gegend und sie liebt die Arbeit und den Umgang mit ihnen.

Und so geht es meiner Erfahrung nach, den meisten "normalen" Menschen.

Die Ehrlichkeit und Herzlichkeit die da zurück kommt ist sehr sehr erfrischend.
Man bekommt gleich zu hören was sie blöd, doof und scheisse finden.

Wenn man sich überlegt, was verloren gegangen wäre, wenn man z.B. Stephen Hawkins von diversen Dingen ausgeschlossen hätte.

Anonym hat gesagt…

Es ist immer noch erstaunlich, wie viele Menschen glauben, eine Behinderung müsse a) genetisch bedingt und b) schon im Mutterleib erkennbar sein, so dass man "rechtzeitig" abtreiben kann.

Die wenigsten Menschen machen sich Gedanken darüber, dass die meisten Behinderungen entweder auf Komplikationen direkt bei der Geburt oder auf Unfälle / Krankheiten im späteren Leben zurückzuführen sind, also Risiken, denen wir alle ausgesetzt sind.

Christina hat gesagt…

Ich feier dich so hart für den Abschluss 💕

Stephan hat gesagt…

Es geht hier nicht um "Kosten"oder "gegen Behinderte". Es geht darum Menschen aufzuklären warum auch im 21. Jahrhundert noch behinderte Kinder geboren werden obwohl man dies verhindern könnte. Nämlich durch Vermischung des Genpools. Also nix mit heiraten innerhalb der Familie, alleine der Gedanke ich würde meine Schwester oder Cousine heiraten, da schüttelt es mich. Ich komme aber auch aus einer Kultur, die die Aufklärung hinter sich hat.

Die gewünschte Auswertung der Statistik ist nichts wert, weil (Zitat Jule): "Und falls man in Deutschland sowieso keine Steuern zahlt, fällt ein wesentlicher Vorteil, nämlich eine Vergünstigung der Einkommenssteuer, ohnehin flach."(Zitat Ende)
Zielgruppe treffend beschrieben! :-)