Samstag, 11. August 2018

Shoppen und so

Helena und ich waren heute morgen in der nächstgrößeren Stadt zum Klamotten shoppen. Mich nervt es absolut, durch enge Gänge von Bekleidungsgeschäften zu rollen, an jedem zweiten Kleiderständer aufzupassen, dass man nichts herunterreißt, schmutzig macht, ständig laufen mir Leute vor den Rollstuhl, die ihre Augen nur auf das nächste Schnäppchen gerichtet haben, es ist laut, stickig - und es ist Samstag morgen. Aber Helena hat gerade einmal zwei Hosen. Davon ist eine eigentlich fertig, so dass sie in Sporthose durch die Gegend läuft, wenn ihre Jeans in der Wäsche ist. Vielleicht geht es anderen Menschen auch so, aber hier ist es unnötig.

Helenas erste Reaktion war: "Die Idee ist supertoll, aber wer soll das bezahlen?" - "Wir schauen mal, ob wir überhaupt was finden, und dann lege ich das aus und hole es mir vom Jugendamt wieder. Wir können ja nun nicht warten, bis das durch alle Mühlen hindurch ist." - Helena weiß natürlich nicht, dass ich, ohne vorher einen Antrag gestellt zu haben, vermutlich niemals irgendetwas zurückbekommen werde. Aber das ist mir gerade egal, denn ich möchte, dass dieses Kind vernünftig herumläuft und sich wohlfühlt. Und mir tut das nun wirklich nicht weh.

Dasselbe gilt für den Friseur. Helena hat in der Substanz sehr gepflegte, lange Haare, aber in den letzten Monaten war da kein Friseur mehr dran. Vielleicht reicht es, wenn die Pflegemutter eine Haushaltsschere schwingt, aber für mich gehört auf einen Kopf ein Haarschnitt. Das muss nichts besonderes sein, aber wenigstens die Spitzen sollten auf einer Länge und die ganze Frisur irgendwie symmetrisch sein.

Gestern kümmerte ich mich bereits um Finger- und Fußnägel. Ob man die mit zwölf Jahren selbst schneiden können sollte, ist nirgendwo festgelegt. Manche Kinder machen das schon mit acht Jahren, zumindest an einer Hand, andere sind mit vierzehn Jahren noch völlig unbeholfen. Helena hat wohl immer mal versucht, sich die Fingernägel zu schneiden, aber dann eher schief und mit scharfen Kanten. Nun muss man wissen, dass jemand mit einer (leichten) Cerebralparese es nochmal erheblich schwerer hat. Insbesondere die Fußnägel brauchten dringend mal eine Pflege. Ihr war das extremst peinlich.

Und zum Thema Cerebralparese bin ich auch etwas angepiekst. Ich hatte auch schon mit Maries Mutter darüber gesprochen. Helena läuft insbesondere barfuß und auf Parkett- oder Fliesenboden wie ein Schwan auf dem Trockenen: Platsch, platsch, platsch. Eindeutige Fußheberschwäche mit Kompensationsbewegungen aus Knie und Hüfte. Entsprechend instabil und wenig grazil sieht das Ganze aus. Man könnte dem Kind mal Orthesen geben für das Fußgelenk, vielleicht reicht es schon, wenn nur der Knöchel stabilisiert wird, vielleicht muss bis zum Schienbein hoch Stabilität her - aber es wäre doch sehr wichtig, dass sie ihre Beine nicht falsch belastet, wenn sie geht. Ich habe beim Fußnägelschneiden, natürlich mit ihrem Einverständnis, mal zwei Reflexe überprüft. Oder eher vier, da beidseitig. Weder links noch rechts funktionieren die Eigenreflexe der Beine, was immer klärungsbedürftig ist. Maries Mutter meinte, das gibt es eigentlich nicht, dass ein Kind heutzutage durch alle Netze fällt, gerade wenn das Jugendamt dran ist. Nach Helenas Aussage wurde sie auch etwa bis zum sechsten Lebensjahr eng durch den Kinderarzt betreut, allerdings habe sich um ihr Gangbild nie jemand gekümmert.

Hinzu kommt, und damit sind wir wieder beim Shoppen, dass sie nach einem Kilometer an ihrer Belastungsgrenze ist. Sie kann dann einfach nicht mehr. Sie will zwar noch hierhin und dorthin, aber dann setzt sie sich an der Bushaltestelle auf die Bank und meint, sie brauche mal einen Moment Pause. Quatscht mit mir, dann geht es irgendwann weiter, aber nach weiteren 500 Metern ist sie wieder am Limit. Vom Sportunterricht in der Schule sei sie einerseits befreit gewesen, weil sie immer schon k.o. war, wenn sie an der Sporthalle ankam, wegen ihrer Behinderung; andererseits habe sie nicht mal Physiotherapie dauerhaft gehabt. Für zwei Kilometer brauchen wir mit Pausen fast 45 Minuten. Am Ende ist sie bei mir auf dem Schoß mitgefahren für das letzte Stück bis zum Auto. Zum Glück sind wir nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren, sondern hatten das Auto zentral geparkt.

Immerhin haben wir einige Klamotten gefunden und sie muss nicht mehr jeden Tag dieselbe Hose anziehen. Schuhe müssen wir nochmal an einem anderen Tag besorgen. Sie steht übrigens sehr auf sportliche und figurbetonte Sachen. Sporttights, Sporttops, irgendwann kam sie mit einem Hoodie um die Ecke, hatte die Kapuze und eine Sonnenbrille aufgesetzt, machte plötzlich auf Gangster-Rapperin - war recht amüsant. Hoodie haben wir mitgenommen, Sonnenbrille hat sie von sich aus gleich wieder weggehängt.

Im Moment schläft sie mit T-Shirt und Slip. "Wollen wir auch noch nach einem Schlafanzug gucken?" - In ihren Größen war alles mit Einhörnern, Regenbögen, Mickey Mouse oder Meerjungfrauen bedruckt. "Oah, Jule, ehrlich, das ist nur Mist hier. Wer zieht denn sowas an? Das sind so Dinge, die einem Großeltern zu Weihnachten schenken und Freude erwarten." - Eine Verkäuferin, die gerade etwas weghängen wollte, lachte: "Ich denke das auch immer. Meine Tochter zieht sowas auch nicht an. Mit acht Jahren ist das noch okay, aber danach nicht mehr."

Wir gingen weiter, plötzlich meinte sie: "Wenn ich 18 bin, schlafe ich sowieso nur noch nackt." - Warum formulierte sie das so? Sollte ich darauf reagieren? Oder hatte das keinen tieferen Sinn? Ich fragte: "Warum erst mit 18?" - "Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich schonmal ganz ausgezogen im Bett. Keine Angst, nicht jetzt bei dir. Aber es war halt immer ein Spiel mit dem Feuer." - "Wovor sollte ich Angst haben und warum ist es ein Spiel mit dem Feuer?" - "Hätte meine Pflegemutter das mitbekommen, hätte es richtigen Anschiss gegeben. Ich habe sie mal gefragt, als es ganz heiß draußen war, da meinte sie, sie hätte keine Lust, täglich die Bettwäsche zu waschen." - "Das ist doch albern." - "Also darf ich bei euch auch nackt schlafen?", fragte sie keck. Ich antwortete: "Solange du nicht nackt zum Frühstück kommst und du deine Bettwäsche oft genug wechselst, sehe ich darin kein Problem." - "Meinst du das jetzt ernst?" - Natürlich meinte ich das ernst. Kann mir mal bitte jemand erklären, was die mit diesem Kind gemacht haben?!

Später, im Auto, sagte sie: "Hast du eigentlich gemerkt, dass ich, seit ich bei euch bin, kein einziges Mal gelogen habe?" - Ich musste einen Moment überlegen, wie ich hierauf am Besten antworte. Ich entschied mich für: "Ich vertraue dir, dass du mir die Wahrheit sagst und zuletzt immer nur gelogen hast, weil deine Pflegeeltern nicht fair zu dir waren. Ich habe deswegen auch noch nie überprüft, ob das, was du sagst, die Wahrheit ist. Sondern ich habe dir geglaubt." - "Es ist mir nicht mal schwergefallen. Weißt du, wie das ist, wenn man für jeden Blödsinn Ärger bekommt? Weißt du, wie glücklich ich gerade bin, weil ich seit einer Woche scheinbar auch mal was richtig mache?"

"Ich fand es bisher noch gar nicht so kompliziert mit dir. Ich glaube einfach, dass du viele Dinge, gerade wenn du in Situationen kommst, in denen du bisher gelogen hast, neu lernen musst. Sowas kann man üben." - "Wie zum Beispiel?" - "Wenn jemand dir zum Beispiel eine Frage stellt, auf die du nicht antworten möchtest und bei der du dir überlegst, zu lügen, könntest du auch einfach im ersten Schritt gar nichts sagen. Statt etwas Unwahres zu sagen. Und dann in Ruhe überlegen, ob du nicht deinen Konflikt benennst. Also dann zum Beispiel sagst: 'Die Frage finde ich gerade sehr intim. Ich möchte darauf nicht antworten.'" - "Und dann?" - "Dann ist das entweder so okay oder man spricht mit dir darüber, warum deine Antwort schon wichtig wäre." - "Sind das in deinen Augen keine Widerworte?" - "Ich finde eine Haltung, ein Kind dürfe keine Widerworte geben, inakzeptabel. Ein Kind darf mir gerne sagen, wenn es sich unwohl fühlt."

Ganz plötzlich wechselte sie das Thema. Und fragte mich, ob ich ihr das Schwimmen beibringen kann. Na sicher, junge Frau. Nur nicht mehr heute.

Freitag, 10. August 2018

Plastikkisten

Inzwischen haben auch Maries Eltern und Helena sich kennengelernt. Sollte es tatsächlich so sein, dass wir uns darum bewerben werden, Helena dauerhaft bei uns aufzunehmen, ginge das nur, wenn Maries Eltern das zumindest ideell unterstützen. Ein gemeinsames Grillen bei uns zu Hause bot eine gute Möglichkeit, sich zu beschnuppern. Ich war vor allem sehr gespannt darauf, wie Helena mit Maries Papa zurecht kommen würde, weil ich sie bisher noch nie im Dialog mit einem Mann erlebt habe. Manchmal gibt es ja, wenn ein Kind Gewalt durch einen Angehörigen eines Geschlechts ausgesetzt war, grundsätzliche Vorbehalte gegen andere Menschen desselben Geschlechts. War hier aber überhaupt nicht der Fall. Anfangs war sie sehr aufgeregt und schüchtern, das hat sich aber sehr schnell gelegt. Ich weiß, dass Maries Papa normalerweise in der Freizeit nicht viel über seinen Job als Polizist spricht, aber als Helena interessiert nachfragte, konnte er sie mit einigen Details in seinen Bann ziehen.

Maries Eltern rieten uns am Ende weder zu noch ab, sagten aber, dass sie hinter jeder Entscheidung hundertprozentig stehen. Sie fänden es gut, wenn wir uns für eine dauerhafte Aufnahme von Helena bewerben würden, sofern wir das zeitlich und organisatorisch hinbekämen, sie könnten es aber auch verstehen und vertreten, wenn wir uns dagegen entscheiden. Immerhin wird Helena uns mindestens sechs Jahre beschäftigen, davon ist erstmal auszugehen, und es wird, auch wenn sie derzeit noch so pflegeleicht zu sein scheint, ernsthafte Probleme geben. Wenn ich wüsste, dass sich das einspielt und Marie und ich mit Helena zumindest im alltäglichen Leben gut zurecht kämen, dann wäre nur der Gedanke daran, einem Kind mit einer Einbindung in unseren Alltag enorm zu helfen, ein großer Lohn. Andererseits haben wir uns beide derzeit ganz bewusst gegen eigene Kinder entschieden - zumindest aktuell. Andererseits ist ein zwölfjähriges Kind auch anders als ein Säugling. Derzeit sagen unsere beiden Herzen "ja" und unsere beiden Köpfe "nein". Vermutlich wird das Herz siegen, falls der Kopf keine Argumente mehr findet. Aber es ist wirklich keine leichte Entscheidung. Danke für die vielen Kommentare, die mich gerade überwiegend ermutigen.

Helena, Marie und ich haben heute erneut persönlich mit der Dame vom Jugendamt und mit ihrem Vormund gesprochen. Helena darf auch weiterhin bei uns übergangsweise bleiben. Bis zu einer Dauer von insgesamt acht Wochen sehen die Verantwortlichen keine Schwierigkeiten, solange es Helena gut geht. Das wäre bis Ende September. Das heißt nicht, dass nicht vielleicht in der nächsten oder übernächsten Woche eine geeignete Einrichtung oder übergangsweise eine Bereitschafts-Pflegefamilie zur Verfügung steht, wo Helena zunächst hinkommen kann. Es heißt nur, dass bis dann eine Art "Besuch", und als solcher wird es im Moment gesehen, prinzipiell möglich ist. Insbesondere soll nächste Woche geklärt werden, auf welche Schule sie nach den Sommerferien erstmal geht. Und es ist heute dafür gesorgt worden, dass ihre persönlichen Gegenstände erstmal zu ihr kommen. Sie hatte ja bisher lediglich für wenige Tage gepackt.

Insgesamt vier große Plastikboxen bekam ich von einem Mitarbeiter eines Sozialdienstes übergeben, der diese wohl bereits gestern bei Helenas ehemaligen Pflegeeltern abgeholt hatte. Als Helena das Zeug sah, war sie mehr als aufgeregt, weil wohl entscheidende Dinge fehlten. Also fuhr, während wir warteten, erneut jemand zu der Adresse und holte auf Helenas Beschreibung unter anderem eine "Schatzkiste" aus einem Hohlraum hinter einem Schlafsofa. Das ganze Hab und Gut einer Zwölfjährigen passte in nicht mal ein halbes Dutzend Plastikkisten. Sehr viele Bücher waren dazwischen, eine Sporthose (zu den zwei Jeans, die sie in ihrer mitgebrachten Sporttasche hatte), ein zweites Paar Schuhe, drei Sweatshirts und insgesamt vielleicht acht bis zehn T-Shirts. Ein Dutzend Unterhosen und vielleicht sechs Paar Socken. Ein wenig persönlicher Kleinkram. Ein Kuschelkissen. Keine einzige Jacke, sondern lediglich ein etwas dickerer Fleece-Pullover. Ich hätte beinahe gefragt, wo der Rest ist, als sie sagte: "Jetzt scheint alles da zu sein."

Heute abend war ich zu einem Beratungskurs zum Thema Pflegekinder und Pflegeeltern. Sechs andere Menschen waren unter den Zuhörern. Es dauerte gut zwei Stunden, mit Hin- und Rückfahrt insgesamt rund viereinhalb Stunden. Die Veranstaltung war inhaltlich eher langweilig. Ich hatte den Eindruck, sie richtet sich an Menschen, denen man wirklich alles vorkauen muss und die keine eigenen Überlegungen anstellen können. Solche Dinge wie: "Was macht es mit einem Kind, wenn eine Bezugsperon stirbt?" - Ich hatte gehofft, dort zumindest mehr Entscheidungshilfe zu bekommen. War leider nichts. Vermutlich bin ich mit den falschen Erwartungen dorthin gefahren.

Mittwoch, 8. August 2018

Nicht ohne Hilfe

Natürlich sind Helena und ich nicht völlig überraschend beim Jugendamt aufgetaucht, sondern ich habe uns vorher per Mail angekündigt. Klar, am Wochenende liest niemand seine dienstlichen Mails, aber immerhin hatte die zuständige Mitarbeiterin so direkt zu Dienstbeginn eine Information. Es war etwa 7.35 Uhr, als mein Handy klingelte. Nachdem ich in der Mail nur zwei Sätze geschrieben habe, sagte sie: "Frau Socke, mit Verlaub, Sie kommen gerade von der Uni, sind noch sehr jung, sind persönlich betroffen: Darf ich bitte einmal ausschließen, dass Sie aus einer möglichen Unerfahrenheit heraus Dinge anders bewerten als wir es hier tun? Wir wissen, dass die Pflegeeltern zu den eher strengeren gehören und mitunter etwas konservativere Ansichten haben als Ihr Jahrgang. Wenn da Grenzen überschritten sind, können wir uns vielleicht in einem geordneten Rahmen treffen und gemeinsam überlegen, was wir für Helena tun können. Braucht es wirklich diesen Notfallrahmen? Brauchen wir ein Gespräch heute morgen?"

"Ich kann nicht ausschließen, dass Helena hier eine Märchenstunde veranstaltet und uns Dinge erzählt hat, die sich hinterher als falscher Alarm herausstellen. Ich habe dafür aber keine Anhaltspunkte. Für mich klingt das plausibel, schlüssig, zu detailreich, auch auf Nachfragen, und vor allem inhaltlich zu reflektiert, um ausgedacht zu sein. Nach ihren Schilderungen werde sie gewohnheitsmäßig körperlich misshandelt, durch Schläge, auch mit Gegenständen, es sei auch schon mit Messern nach ihr geworfen worden." - "Ach du liebe Scheiße. Das hat ja gerade noch gefehlt. Ja, da müssen Sie kommen. Ist Helena noch bei Ihnen?" - "Ja." - "Dann bringen Sie sie bitte mit. Sie können ihr sagen, dass wir auf ihrer Seite sind und ihr helfen werden."

Im Auto fragte ich Helena: "Hast du Angst?" - "Ja." - "Wovor?" - "Dass ich in ein Heim gesteckt werde. Bist du erstmal drin, kommst du nie wieder aus diesen Mühlen heraus. Und wenn du irgendwann rauskommst, bist du nicht mehr die, die du warst, als du reingegangen bist. In diesen Einrichtungen ist kein Platz für jemanden wie mich." - "Ich habe das nicht zu entscheiden. Aber ich werde alles versuchen, um dir das zu ersparen. Möchtest du zurück zu deinen jetzigen Pflegeeltern?" - Natürlich war mir klar, dass das niemals in Betracht kommen würde. Sie antwortete: "Es wäre besser als ein Heim oder eine Jugendeinrichtung, aber wenn ich ehrlich bin, möchte ich lieber mit Menschen zusammenleben, die so cool sind wie Maries Eltern. Ich kenne sie zwar nicht, aber was ich so von Marie gehört habe, müssen sie cool sein. Marie ist auch so cool. Überhaupt seid ihr beide cool. Vielleicht schicken sie mich auch in eine andere Stadt. Wo ich niemanden kenne und alles von vorne anfangen muss. Ich habe so etwas mal im Fernsehen gesehen. Darf ich euch dann trotzdem mal besuchen kommen? Ich meine, für ein Wochenende wie dieses?" - "Na sicher."

Wir wurden bereits erwartet. Zwei Mitarbeiterinnen setzten sich mit Helena und mir an einen großen runden Tisch in einem großen Raum. In der Ecke stand ein großer Tischkicker, auf dem einige Broschüren abgelegt waren. Unter der Decke hing ein Fernseher. Ausgeschaltet. Ein Kalender hing an der Wand und war seit Wochen nicht mehr aktualisiert worden. An der anderen Wand hing ein großes Bild aus einem Hafen. "Möchtest du ein Wasser? Oder einen Fruchtsaft?" - "Wasser. Bitte." - Man schlug vor, dass Helena zunächst einfach nur das erzählt, was sie erzählen möchte, und man anschließend mit ihr ein Protokoll anfertigt, während man parallel auch nochmal mit mir redet.

Helena begann zu weinen, bevor sie den ersten vollen Satz über die Lippen brachte. Dann stand sie auf, ging zum Fenster und schaute nach draußen. Niemand sagte was. Nur ihr Schluchzen war zu hören. Dann drehte sie sich um, lehnte sich gegen die Fensterbank und sagte: "Es ist alles Scheiße. Und ich weiß nicht mal, was ich falsch gemacht habe." - "Vermutlich gar nichts", antwortete ich, rollte zurück und deutete auf meinen Schoß. Ohne zu zögern kam Helena zu mir, setzte sich auf meinen Schoß, lehnte sich an meinen Oberkörper an und begann zu erzählen. Die beiden Mitarbeiterinnen hörten zu.

Helena war schon lange fertig, als die Frage kam, auf die ich schon gewartet habe: "Warum hast du bisher niemandem davon erzählt?" - Helena antwortete: "Das ist doch eine Bombe. Sie lassen alles stehen und liegen, um mit mir noch heute zu sprechen. So eine Bombe zünde ich doch nicht alleine. Nicht, ohne dass mir jemand hilft." - Ich schluckte mehrmals und gab mir größte Mühe, nicht zu weinen anzufangen.

Eine weitere Frage wurde ihr gestellt: Angenommen, sie würde in eine andere Stadt ziehen, wie sehr würde sie ihre Freunde vermissen? Helena antwortete: "Welche Freunde denn? Mit mir will doch schon lange niemand mehr etwas zu tun haben. Früher wurde ich auf jeden Kindergeburtstag eingeladen. Aber irgendwann hat die Mutter meiner damals besten Freundin gesagt, dass sie mich nicht mehr einladen, weil ich ja auch niemanden zu meinem Geburtstag einlade. Und wenn erstmal ein Kind damit anfängt, ist es aus." - "Warum hast du denn niemanden zu deinem Geburtstag eingeladen?", fragte ich und ahnte schon die Antwort, ohne bisher mit Helena darüber gesprochen zu haben. Ja, die Pflegeeltern wollten das nicht.

Wie wir inzwischen wissen, hat Helena mich nicht angelogen. Die Pflegemutter habe inzwischen sowohl die Messerwürfe als auch die wiederholten Schläge durch den Pflegevater bestätigt. Zu den Gründen durfte man mir nichts sagen. Allerdings sagte mir die Dame vom Jugendamt telefonisch: "Aus unserer Sicht sind sie absurd."

Soweit ich weiß, laufen Ermittlungen gegen die bisherigen Pflegeeltern. Und Helenas Unterbringung? Eine Pflegefamilie, die sie sofort aufnehmen könnte, sei nicht zu finden. Möglicherweise entschärfe sich die Situation nach den Sommerferien etwas. Aber versprechen könne man nichts. Die Einrichtung, die jetzt einen Platz frei räumen würde, ist jene, vor der Helena besonders viel Angst hat. Wegen ihrer Erkrankung ist ein hoher Pflegeaufwand nötig, der sei nur dort realisierbar. Weil dort so viel Personal ist, sind dort aber auch die ganzen Leute, die sich in keiner Pflegefamilie zurecht fänden.

Helena wechselt mit Beginn der Klasse 7, also in den nächsten Wochen, die Schule. Aus technischen Gründen, die nicht in ihrer Person liegen. Man wird so schnell nichts Geeignetes für sie finden. Damit ist das nächste Problem (fehlender Anschluss, fehlende Kontinuität, mindestens ein Wechsel mitten im Schuljahr) vor der Tür. Ich habe im Gefühl, dass aktuell vieles bei ihr noch gut läuft (oder besser). Ich habe auch im Gefühl, dass gerade jetzt sehr viel in die falsche Richtung gelenkt werden kann. Ich habe das Gefühl, dass die Mitarbeiterin des Jugendamtes das genauso sieht, auch wenn sie das nicht gesagt hat.

Ich habe dem Jugendamt angeboten, dass Helena in den nächsten Tagen und auch in den nächsten Wochen bei uns ein Gästezimmer hätte. Bis zum nächsten Wochenende wolle man das Angebot in Anspruch nehmen, man müsse allerdings noch einiges mit dem Familiengericht und dem Vormund klären. Aber erstmal sei das die beste Lösung. Die Mitarbeiterin fragte mich unter vier Augen: "Darf ich Ihnen eine sehr persönliche Frage stellen? Spielen Sie mit dem Gedanken, Helena dauerhaft bei sich aufzunehmen?"

Ich antwortete: "Das ist eine sehr schwierige Frage. Zuerst weiß ich nicht, was besser ist. Wenn ich für sie eine Anlaufstation in der Not sein kann, so wie ein Kind vielleicht mal zur Oma rennt, wenn es zu Hause zu viel Theater gibt, bin ich sofort dabei. Wenn ich aber wüsste, dass ich Helena damit, dass sie bei uns wohnt, vor etwas Schlimmerem bewahren könnte, dann würde ich mir später ständig Vorwürfe machen, warum ich darüber nicht nachgedacht habe. Also denke ich demnächst darüber nach. Ich weiß noch nicht, ob wir das schaffen würden." - "Sie sollten auf jeden Fall darüber ernsthaft nachdenken. Und sich entscheiden. Dafür oder dagegen. Helena wird diese Frage in den nächsten Tagen stellen, und dann machen Sie vieles richtig, wenn Sie ihr eine klare Antwort geben können. Nicht, ob das klappt. Sondern ob Sie sich das grundsätzlich vorstellen können."

"Würde ich, würden Marie und ich, würden wir überhaupt eine Chance haben, Helena dauerhaft zu uns zu nehmen?" - "Eindeutig ja. Nicht so von heute auf morgen, Regelbewerbungen können auch schon mal ein ganzes Jahr bis zu einer Entscheidung benötigen, aber grundsätzlich ist das denkbar und in so konkreter Lage mitunter auch recht schnell. Wenn sich ein organisierter Weg findet, wie Sie ein plötzliches Kind in Ihre Lebensplanung eingliedern, Sie Kurse besuchen, in denen man Ihnen die Erziehungsfähigkeit bescheinigt, Sie sich umfangreich bewerben und darin Ihre Ideen, Ziele und Möglichkeiten überprüfbar ausführen, vielleicht noch ein Backup haben, falls Sie mal die Nase voll haben, mit ergänzenden Hilfen so über die Runden kommen, dass Helena alle Betreuung bekommt, die sie braucht, Ihre eigene Behinderung nicht im Wege steht, dann sind die Chancen durchaus gut. Sie haben einen Joker in der Tasche: Sie haben nach einem Wochenende eine tiefere Bindung zu dem Mädchen aufgebaut als viele Pflegeeltern es über Jahre schaffen. Sie können es sich ja mal überlegen und mit Ihrer Familie und der Marie besprechen."

Das werden wir tun. Erstmal habe ich mich an meinen Chef gewandt und ihn gebeten, mich für vier Wochen unbezahlt freizustellen. Für den ersten Moment guckte er mich an, als sei ich nicht zu retten, und fragte: "Da muss aber ein großer Notfall vorliegen. Ich hoffe, es ist niemand gestorben." - "Meine Mitbewohnerin und ich haben ein zwölfjähriges Kind vorübergehend bei uns aufgenommen, das schnellstens von seinen prügelnden Pflegeeltern weg musste und für das es keinen anderen Platz gibt. Es muss medizinisch betreut werden. Diabetes Typ 1." - "Kann ich dazu etwas Schriftliches bekommen?" - "Ich kann versuchen, vom Jugendamt etwas zu organisieren." - "Das bräuchte ich. Vier Wochen? Schweren Herzens. Und bitte keinen Tag länger."

Nein. Keinen Tag länger. Aber wenn ich eine Chance haben soll, dieses Chaos zu ordnen, dann geht das nicht im Schichtdienst. Und hier muss erstmal Ordnung rein. Dringend.

Dienstag, 7. August 2018

Tausend

Sonst habe ich ja häufig die Schnapszahlen hervorgehoben. Aber die Tausend? Die ist schon eine Erwähnung wert. Finde ich. Auch ohne Schnaps. Tausend. Tausend Mal gepostet.

Die meisten Statistiken (welcher Beitrag wurde am häufigsten geklickt etc.) werden ja fortwährend in der rechten Spalte angezeigt. Wenn ich also etwas Neues berichten will, muss ich wohl auf die unveröffentlichten Statistiken aus dem Hintergrund zugreifen. Also:

Seit Beginn wurde mein Blog mehr als 6,2 Millionen Mal angeklickt. Und während in den ersten Tagen kein einziger Besucher auf meine neue Seite kam, waren es im ersten Monat immerhin schon gleich über 13.000 Klicks. Also rund 500 pro Tag. Im April 2012 (als mein Blog zum Besten Deutschen Blog bei "The BOBs" gekürt wurde), klickten im Monat fast 150.000 Leute auf meine Seite. Drei Monate später waren es nur noch rund 70.000 Klicks, der Ansturm hatte sich etwas gelegt. Im Juni 2015 waren es aber immerhin wieder 142.000 Klicks, die mich erreichten, bevor ich meine Pause machte.

Aktuell wird meine Seite rund 95.000 Mal pro Monat angeklickt, an einem Beitragstag durchaus knapp 5.000 Mal, an anderen Tagen entsprechend weniger. Die meisten Leserinnen und Leser kommen übrigens aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, aus den Vereinigten Staaten, aus Russland, dem Vereinigten Königreich, Frankreich, Niederlande und Schweden.

Und es scheint sehr gezielt nach mir gesucht zu werden: Die zehn häufigsten Suchanfragen sind derzeit: "Jule Stinkesocke", "Jules Blog", "Jule Stinkesocke Blog", "Stinkesocke Blog", "Jule Socke", "Jule Blog", "Jule-Stinkesocke", "Jule Stinke", "Jule Rollstuhl Blog" und "Rollstuhl Stinkesocke Blog".

Wer nicht direkt nach mir sucht, sucht: "Behindertenwitze", "Fiese Witze über Behinderte" oder ... ähm ... "Windelgeschichten". Oder nach über 1.000 anderen Dingen.

Zum Beispiel nach folgendem Wortlaut: "Eine Person im Rollstuhl schafft es nach dem Überqueren der Straße nicht, mit dem Rollstuhl den Bordstein zu überwinden, um den Gehweg zu erreichen. Wie verhalten Sie sich?" - Für einen Moment habe ich überlegt, ob das wirklich eine Prüfungsfrage ist. Habe recherchiert und herausgefunden, dass diese sogar mit 4 Fehlerpunkten bestraft wird, wenn man was falsch macht. Richtig wäre, zumindest offiziell: Warnblinker an, aussteigen, helfen.

Falsch wäre gewesen: "Ich hupe und fahre um die Person herum." - Also wäre ein Kumpel von mir, den ich wirklich sehr schätze, durchgefallen. Der würde hupen, das Fenster öffnen und pöbeln: "Kann der Behinderte mal zackig die Straße frei machen?"

Tausend. Nein, hätte ich vor zehn Jahren nicht gedacht. Und keine Angst: Der eintausenderste Beitrag ist schon fast fertig.

Sonntag, 5. August 2018

Auberginen

Ich glaube: Eins der größten Probleme unserer Gesellschaft ist der sorglose Umgang mit Macht. Sorglos ist bereits, wer sich durch Vorurteile lenken lässt. Ja, ich weiß, davon ist niemand ganz frei. Und nein, ich weiß auch, dass statistisch gesehen mehr Jungs Fußball spielen und mehr Mädchen reiten. Vermutlich werden auch die meisten Frauen, die heute Kinder bekommen, ihre Töchter auch Fußball spielen und ihre Söhne auch reiten lassen.

Ich habe vor ziemlich genau acht Jahren von einem Freund anlässlich eines Workshops eine Botschaft gehört, die ich nach wie vor elementar wichtig finde: "Wir müssen aufpassen, dass nicht wir es sind, die den ersten Stein legen für eine Mauer, die später mal jemanden tatsächlich behindern wird."

Ich bin erschrocken darüber, welche Kommentare ich zu meinem letzten Beitrag lesen musste. Einige waren so schlimm, dass ich sie nicht veröffentlichen will. Einige habe ich gelöscht.

Insbesondere wurde mehrmals indirekt gefragt, ob man über Gewalt, die mir oder einem Dritten angetan wird, sprechen soll. Meine Haltung dazu: Unbedingt! Ein Täter, der regelmäßig seine Überlegenheit durch die Anwendung von Gewalt demonstriert, kann (in unserer Gesellschaft) nur im Verborgenen agieren. Er ist nur deshalb verborgen, weil Geschädigte sich nicht trauen zu sprechen. Selbstverständlich muss man klug handeln und sicherstellen, dass ein Täter, der aus dem Verborgenen geholt wird, keinen Zugriff mehr auf die geschädigte Person hat. Aber so etwas gehört nicht verschwiegen und nicht verheimlicht. Damit unterstütze ich den Täter.

Es wurde mehrmals geschrieben, dass ich mich mit Helena überfordern würde und bloß die Finger von einem Kind lassen soll, das schon eine solche Vergangenheit hat. Ja, tatsächlich, es kann sein und es ist aus Statistikersicht bestimmt hochwahrscheinlich, dass Helena bereits einen Knacks hat. Aber: Es war nicht die Rede davon, dass ich sie adoptieren möchte. Wenn sie sich die Chance verbaut, vielleicht weil sie Dinge tut, die ich nicht tolerieren möchte, dann verbaut sie selbst sich ihre Chance. Aber ich werde weder aus Vorurteilen noch aus Angst eine ausgestreckte Hand wieder einziehen. Ich breche mir keinen Zacken aus der Krone, wenn hier zwei Nächte jemand pennt, der zu Hause geschlagen und mit Messern beworfen wird. Ich weiß um die Polemik des letzten Satzes.

Die zahlreichen Warnungen, das Kind gegen den Willen der Pflegefamilie bis Montag bei mir zu behalten, habe ich ebenfalls zur Kenntnis genommen. Soweit sie fürsorglich und freundlich gemeint waren, bedanke ich mich. Ansonsten muss ich aber sagen: Kein Gesetz kann von mir verlangen, ein Kind in einen Haushalt zu geben, in dem gewohnheitsmäßig körperliche und psychische Gewalt angewendet wird. Auch wenn sie vielleicht in den nächsten sieben Tagen nicht geschlagen wird, wer garantiert mir, dass die Pflegemutter nicht am Wochenende die freie Zeit für ein Pläuschchen genutzt hat, bei dem sie Dinge erfahren hat, die sie wieder Messer werfen lässt?

Ganz sicher werde ich Helena nicht verstecken. Sondern ich habe die Pflegeeltern inzwischen angerufen und ihnen gesagt, dass ich Helena erst am Montagvormittag vorbei bringe, weil ich in der Stadt, in der Helena wohnt, sowieso noch etwas zu erledigen habe. Die Pflegemutter war damit einverstanden. Sie wird also nicht plötzlich die Herausgabe des Kindes verlangen, sondern sei froh, dass sie noch eine weitere Nacht Ruhe hat. Und alle anderen Instanzen sind erst am Montag wieder ansprechbar. Sie in die Hände eines Notdienstes zu geben, kommt nicht in Frage, da keine akute, sondern nur eine latente (dafür aber erhebliche) Gefahr besteht. Das emotionale Verhältnis zu den Pflegeeltern, die die gesamte familiäre Beziehungssituation und die Kommunikationsebene zwischen Pflegeeltern und Helena sind so schwer gestört und laufen der Entwicklung des Kindes in so erheblichem Maße zuwider, dass ich mein Handeln für notwendig und angemessen halte. Zu dieser Einschätzung komme ich nicht nur anhand der Geschichten, die Helena erzählt, und deren Wahrheitsgehalt nicht überprüfbar ist. Hinzu kommt, dass sie in irgendeiner Notunterkunft vermutlich gar nicht korrekt medizinisch versorgt werden könnte und damit vermutlich in eine Klinik verlegt werden würde. Das alles ist unverhältnismäßig gegen einen um mehrere Stunden verlängerten, genehmigten Besuch in den Schulferien.

Ich werde auch weiterhin das Angebot machen (nicht Helena, sondern dem Jugendamt bzw. dem Vormund), dass Helena zunächst hier bleiben kann, bis eine geeignete Lösung gefunden ist. Ich rechne mit ein bis zwei Wochen und ich weiß zwar noch nicht, wie ich das mit meinem Job arrangieren kann, aber es wird schon einen Weg geben. Vielleicht findet sich aber auch etwas, was Helena hilft, ohne dass ich daran beteiligt bin. Selbstverständlich kommt sie morgen mit, wenn ich zum Jugendamt fahre.

Helena und Marie sind gerade in der Küche. Zum Mittagessen kochen beide ein Lieblingsgericht von Helena: Gedünstete Auberginen- und Möhrenscheibchen, selbst gemachte Kartoffel-Ecken, in Olivenöl gebratenes gewürztes Hühnerfleisch und dazu Tzaziki. Ich bin sehr gespannt. Heute morgen waren wir zu dritt an der Ostsee (wobei man eigentlich zu viert sagen muss, weil Maries Hund auch dabei war) und haben bei etwas kühlerem Wind in den warmen Wellen gebadet. Wir hatten ein aufblasbares Stand-Up-Board dabei, Helena bekam eine Schwimmweste an. Es hat alles sehr gut funktioniert. Die Hündin, die von Natur aus sehr kritisch gegenüber allen neuen Menschen ist, hat sich von Helena eine Viertelstunde lang den Bauch kraulen lassen und sich dazu komplett auf den Rücken gelegt. Sie scheint ihr zu vertrauen. Marie und ich tun das auch.

Samstag, 4. August 2018

Uff.

Ich habe es befürchtet. Ich hatte es im Gefühl. Und nicht nur ich, sondern auch Marie. Helena, die seit gestern abend bei uns ist, bekommt nicht nur kein Eis oder wird von den mit ihr im Haushalt lebenden leiblichen Kindern ihrer Pflegeeltern ausgegrenzt, sondern ich kann (und muss) hier davon ausgehen, dass ihre persönliche Entwicklung innerhalb dieser Pflegefamilie erheblich beeinträchtigt ist.

Daraus ergibt sich ein großer Konflikt, und das meinte ich in meinem letzten Beitrag, als ich befürchtet hatte, Helena mit meinem (unserem) Angebot, hin und wieder mal ein Wochenende "raus" zu kommen, einen Bärendienst zu erweisen: Ich bin aus beruflichen Gründen zur Anzeige verpflichtet. Mit allen Konsequenzen: Hat sie mich, was ich nicht glaube, angelogen und mir gleich am ersten Abend großen Mist erzählt, gibt es wohl kaum noch eine Basis für ein künftiges Miteinander. Stimmt es, was sie erzählt hat, und daran habe ich keine Zweifel, wird das Jugendamt sie nicht mehr zu den Pflegeeltern zurück lassen. Behalte ich für mich, was ich weiß, gebe ich Helena in Gefahr, mich wird mein Gewissen auffressen und ich verliere unter Garantie meine Approbation.

Glücklicherweise habe ich ihr nicht versprochen, niemandem von dem zu erzählen, was sie mir erzählt hat. Sonst hätte ich jetzt nicht nur ein Glaubwürdigkeitsproblem, sondern auch noch einen ernsthaften Loyalitätskonflikt. Vielleicht wünscht Helena sich hintergründig sogar, dass sich etwas verändert, und weiß nicht, wie sie es anstellen kann. Sie saß mit mir und Marie auf dem Sofa. Sie ist extrem kuschelbedürftig. Sie hat mir von sich aus unter anderem von einem Gewaltausbruch der Mutter erzählt, die an einer Küchenschublade stand und insgesamt drei Brotmesser (also jene, mit denen man sich ein Brot bestreicht) gezielt nach ihr geworfen haben soll. Als Reaktion darauf, dass Helena ihr frech ins Gesicht gelogen haben will. Weil Helena schnell weglief und die Tür hinter sich zuwarf, sei sie nicht getroffen worden. Der Vorfall soll vier Monate her sein.

Angeblich habe Helena irgendeine Hausaufgabe für die Schule falsch oder gar nicht erledigt und in der Folge vom Lehrer eine weitere Aufgabe bekommen, die sie am nächsten Tag zu Hause erledigen sollte. Also sinngemäß: "Aufgabe 1 und 2 solltest du zu heute anfertigen, das hast du von deiner Banknachbarin abgeschrieben, also machst du zu morgen die Aufgaben 3 und 4 zusätzlich." - Über die Mutter einer Mitschülerin (die im Gegensatz zu Helena offenbar alles zu Hause erzählt) habe Helenas Pflegemutter beim Einkaufen davon Wind bekommen, Helena zu Hause mit dem Sachverhalt konfrontiert, und als Helena abgestritten habe, eine "Strafarbeit" aufgebrummt bekommen zu haben, habe die Pflegemutter sich derart über die wiederholte Lügerei von Helena echauffiert, dass sie zusätzlich zu ihrem Gebrüll auch noch Brotmesser in ihre Richtung geworfen habe. Über Strafarbeiten kann man sicherlich schon unterschiedlich denken, aber wieso bekommen solche Menschen ein Kind zur Erziehung anvertraut?!

"Hast du jemals jemandem davon erzählt?", wollte ich wissen. Helena antwortete: "Wenn ich das Frau [vom Jugendamt] erzählt hätte, hätte sie mich gleich in eine Wohneinrichtung gesteckt. Dann wäre ich vom Regen in die Traufe gekommen, denn da geht richtig die Post ab. Da will ich auf keinen Fall hin." - "Und in der Schule, niemandem davon erzählt? Einer Vertrauenslehrerin?" - Sie schüttelte den Kopf. Ich fragte weiter: "Kannst du beweisen, dass deine Pflegemutter mit Messern geworfen hat?" - "Ja. Ich hab Fotos gemacht, als ich alleine war, von den Kerben in der Wand neben der Tür. Die sind auch noch nicht repariert." - "Was hat denn dein Pflegevater dazu gesagt, hat er das mitbekommen?" - "Natürlich, das war ja ein Höllenlärm. Er hat mich gefragt, ob es mir gut geht und gesagt, dass seine Frau manchmal einen kleinen Knall hat, ich soll mir nicht zu viele Gedanken machen, das renkt sich schon wieder ein. Dann haben sie sich gestritten und er hat eine Kaffeekanne gegen die Wand geworfen." - "Wo waren deren Kinder, als dieses Theater war?" - "Im Wohnzimmer. [Die ältere] hat zu mir gesagt: 'Was hast du nun schon wieder angestellt? Du machst unsere ganze Familie kaputt. Wir hassen dich.'"

"Ist er auch gewalttätig?" - "Er hat mir mal mit einem Kleiderbügel auf den Po gehauen." - "Mit einem Kleiderbügel?" - "Ja, so einen aus Plastik, der ist dabei zerbrochen und dann hat er mit der Hand weitergemacht. Er hat sich aber hinterher bei mir entschuldigt und mir 100 Euro Schmerzensgeld gegeben. Die habe ich aber nie ausgegeben, die liegen noch immer [in einem Versteck]. Die gebe ich auch nicht aus." - "Hat er das nochmal gemacht?" - "Nein, aber ich bekomme von meiner Pflegemutter manchmal eine Ohrfeige. Aber das ist nicht so schlimm wie das mit dem Kleiderbügel. Das tat schon sehr weh."

Ich kenne Helenas Vergangenheit nicht. Ich weiß nicht, was sie schon so alles "auf dem Kerbholz" hat. Konnte ich ausschließen, dass das, was sie mir hier erzählte, nur eine weitere Lügengeschichte einer Zwölfjährigen ist? Es gibt tatsächlich Kinder, die sich haarsträubende Geschichten ausdenken (und dabei nicht überblicken, dass das Konstrukt schon bei nächster Gelegenheit einstürzt). Teilweise sind nicht einmal Motivationen dafür erkennbar. Auf logischer Ebene nicht. Auf emotionaler schon. Chronisches Lügen ist behandlungsbedürftig. Ich fragte sie direkt: "Warum lügst du?" - Ihre Antwort passte zunächst zur chronischen Lügerei: "Ich lüge nicht! Das ist die Wahrheit!"

Marie sagte: "Jule hat nicht gemeint, dass du jetzt lügst. Sondern sie wollte wissen, warum du deine Pflegemutter anlügst. Zum Beispiel als das mit den Messern war." - "Achso. Okay, pass auf, ich erkläre es dir, Jule. Darf ich dir vorher eine Gegenfrage stellen? Oder zwei?" - "Klar." - "Hast du schonmal gelogen?" - "Ja." - "Okay. Und hast du früher in der Schule mal heimlich die Hausaufgaben von jemandem abgeschrieben?" - "Sicher. Mehr als einmal." - "Ist das schlimm?" - "'Schlimm' würde ich es nicht nennen, es ist blöd, weil man davon nicht so viel lernt als wenn man es selbst im Kopf herleitet und überlegt." - "Was würdest du mit deiner Tochter machen, wenn sie 12 ist und dir erzählt, dass sie Hausaufgaben abgeschrieben hat?" - "Machen? Gar nichts. Ich wünsche mir, dass wir darüber plaudern könnten. Ich würde ihr erzählen, wie das bei mir früher war. Und ich würde versuchen, eine Lösung zu finden, dass sie künftig ihre Hausaufgaben macht. Warum hast du sie denn nicht gemacht?" - "In dem Fall hatte ich das einfach vergessen. Und erst am Morgen gedacht: Scheiße, wo krieg ich das jetzt noch schnell her? Aber manchmal hab ich auch einfach keinen Bock. Bei dir kann ich das auch zugeben. Oder bei Marie. Bei meiner Pflegemutter kann ich das nicht. Sie würde gleich ausrasten. Da lüge ich dann, weil ich keinen Bock auf Ausraster habe. Und auf Strafen." - "Aber wenn das dann später rauskommt, ist das dann nicht viel schlimmer, weil du zusätzlich gelogen hast?" - "Nein. Jede Chance, dass was nicht rauskommt, ist es wert, zu lügen."

Sie fragte Marie: "Hast du deine Eltern früher angelogen?" - "Eigentlich nicht. Mit meiner Mama konnte ich über alles reden und mit meinem Papa eigentlich auch." - "Das muss so schön sein. Einfach mal was falsch gemacht haben und dann eine zweite Chance bekommen ohne Strafe oder dass dich jemand lächerlich macht." - "Machst du oft etwas falsch?" - "Ich versuche, immer alles richtig zu machen. Aber das ist sehr anstrengend und manchmal gelingt es mir einfach nicht. Manchmal möchte ich auch einfach nur etwas ausprobieren." - "Was zum Beispiel?" - "Tanzen. Nicht gleich Tanzsport. Sondern ich habe mir im Internet ein paar Moves zu einem Song angeschaut. Und habe die bei mir im Zimmer nachgemacht. Mein Pflegevater kam rein und sagte, ich bewege mich wie ein Epileptiker beim Krampfanfall." - "Sollte das witzig sein?" - "Nein, er hat mir später sogar verboten, damit weiterzumachen. Ich sollte die Musik abstellen, die nervt, und mir ein vernünftiges Hobby suchen. Ich gebe zu, die Musik war etwas lauter."

Eigentlich müsste ich sie morgen abend zurück zu ihren Pflegeeltern bringen. Und Montag morgen arbeiten. Ich bekomme Montag morgen frei, das habe ich eben klären können. Bleibt nur zu hoffen, dass die Pflegeeltern keinen Aufstand proben, wenn ich sie nachher anrufe und mit wenigen Worten sage, dass wir Helena erst am Montagmorgen zurückbringen. Denn Montagmorgen werde ich zunächst dem Jugendamt anbieten, dass sie bis auf Weiteres hier bleibt. Ich weiß noch nicht, wie ich das leisten kann, schließlich kann ich mir nicht gleich in der ersten vollen Arbeitswoche frei nehmen, aber mir fällt schon etwas ein. Natürlich sage ich den Pflegeeltern noch nichts davon. Und ich hoffe, Helena wird nun nicht von einer Jugendeinrichtung in die nächste verschoben.

Wir werden heute zum Badesee fahren und zu dritt einen tollen Tag verbringen. Wir werden heute abend zu Hause grillen und vorher gemeinsam Salate schnibbeln ... ich freue mich. Jetzt erstmal gemeinsam frühstücken. Mir raucht der Kopf.

Donnerstag, 2. August 2018

Helena

Ich kann nicht die Welt retten. Das weiß ich. Aber vielleicht kann ich sie ein wenig besser machen? Das weiß ich nicht. Ich weiß derzeit wirklich nicht, ob ich Helena einen Gefallen tue, oder ihr einen Bärendienst erweise, wenn ich mich um sie ein wenig kümmere. Helena ist, alten Prinzipien folgend, nicht ihr richtiger Name, und ich habe bisher auch noch nicht über sie geschrieben.

Marie und ich haben Helena im Sommer 2017 an einem Badesee getroffen. Sie war mit ihren beiden Geschwistern und ihren Eltern dort, um die wenige Sonne zu genießen und im seinerzeit eher kalten Wasser ein paar Runden zu schwimmen. Wobei eigentlich nur Helenas Schwestern schwammen. Helena selbst saß auf einer Bank und las ein Buch, während ihre (jüngeren) Schwestern im Wasser planschten. Erst als Marie und ich mit unseren Rollstühlen auf einen Steg fuhren und an dessen Ende ins Wasser kletterten, wurde sie auf uns aufmerksam. Sie sprach uns aber nicht an, sondern packte ihr Buch weg und setzte sich hinter unsere Rollstühle auf den Steg und beobachtete uns.

Wir schwammen eine ganze Zeit. Als wir zum Steg zurückkehrten, saß Helena noch immer hinter unseren Rollstühlen und beobachtete uns. Ich schätzte ihr Alter auf 10 Jahre. Es ist nicht neu, dass wir für einige Menschen eine Attraktion sind. Wenn Kinder sich an mir festgucken, spreche ich sie irgendwann an. Warum geglotzt werde, ob das spannend sei oder ob das Kind Fragen habe, sind dabei keine guten Ansätze um zu vermitteln, dass Menschen mit Behinderung keine Außerirdischen sind. "Na, alles klar bei dir?", fragte ich. Helena nickte schüchtern. "Gehst du nicht schwimmen?", fragte ich weiter. Helena schüttelte den Kopf. "Das Wasser ist sehr erfrischend", fügte Marie hinzu. Helena sagte leise, schüchtern die Finger verknotend und mit der Hüfte hin und her wackelnd: "Ich kann nicht schwimmen."

What? Okay. Dass manche Kinder keinen Zugang zum Schwimmunterricht bekommen, soll ja vorkommen. Aber dass Helena nicht wenigstens sagte, sie könne noch nicht schwimmen, fand ich bemerkenswert. Das schien ja gerade so, als hätte sie sich damit abgefunden. Ich erwiderte: "Möchtest du es denn noch lernen?" - Sie antwortete: "Ich kann es nicht lernen. Ich bin auch behindert."

Ich dachte spontan an irgendwelche Erkrankungen, bei denen man kurzfristig das Bewusstsein verliert, vielleicht bekam sie Krampfanfälle, die gerade im kalten Wasser provoziert werden könnten. Ich fragte: "Okay?! Was für eine Behinderung hast du denn? Darf ich das wissen?" - Sie nickte. "Ich habe eine Cerebralparese. Und Diabetes." - Die Cerebralparese konnte nur sehr gering ausgeprägt sein, denn sie lief barfuß ohne jedes Hilfsmittel, Armbewegungen und Sprache waren auf den ersten Blick auch nicht auffällig. Vielleicht war der Diabetes so schwierig einzustellen, dass sie bei Anstrengungen gerne mal unterzuckert. Aber deswegen nicht schwimmen zu lernen? - "Okay, Socke, es wird schon einen guten Grund geben, nicht so kritisch sein", dachte ich mir.

Marie und ich legten uns auf den Rasen, Helena setzte sich wieder auf die Bank, nahm ihr Buch, las aber nicht, sondern schaute verträumt zu uns herüber. Die beiden Geschwister durften sich ein Eis holen, Helena hatte keins. Ich habe nicht mitbekommen, ob sie keins wollte oder ob die Eltern es nicht auf die Reihe bekamen, wie man das mit Diabetes löst. Die Eltern und die beiden jüngeren Geschwister alberten auf einer Decke herum, Helena saß still auf der Bank und beobachtete uns.

Eine Stunde später wollten wir noch einmal ins Wasser. Sobald wir uns vom Rasen in den Rollstuhl setzten, packte Helena ihr Buch weg und wollte uns folgen. Ich blieb stehen. Helena guckte mich an. Ich fragte sie: "Na, willst du jetzt mit ins Wasser?" - Sie schüttelte den Kopf und schaute ihre Eltern an. Ich merkte, dass sie gerne gesagt hätten, Helena habe eine Behinderung. Aber angesichts unserer Rollstühle trauten sie sich das wohl nicht. Ich weiß es nicht. Die Mutter sagte: "Wenn du ins Wasser möchtest, ziehst du dir Schwimmflügel an." - Eigentlich wollten wir schwimmen. Ich schaute Marie an. Marie nickte. Ich sagte zu Helena: "Na komm. Wir planschen eine Runde."

Im Wasser taute sie völlig auf. Sie konnte wirklich nicht schwimmen. Und ich wollte auch nicht die Schwimmflügel entfernen, was aber sicherlich kein Problem gewesen wäre. Fast jeder Mensch kann auf dem Rücken liegend im Wasser treiben, vor allem mit einer helfenden Hand unter dem Rücken. Sie versuchte etliche Schwimmbewegungen, und eigentlich sah das alles auch ganz gut aus. Ich war mir sicher, sie könnte das Schwimmen erlernen, wenn man ihr das nur zutrauen würde. Sie tobte mit uns im Wasser, hatte sehr schnell überhaupt keine Berührungsängste mehr, holte erst einen Tennisball ins Wasser, den wir uns gegenseitig zuwarfen, später versuchte sie, uns unterzutauchen und klammerte sich immer wieder an uns. Mal hatte ich sie am Rücken kleben, mal umarmte sie mich, bei Marie dasselbe.

Dann begann sie zu erzählen. Dass sie hier Urlaub machen würden. Dass sie nur ein Pflegekind sei und ständig schlechter behandelt werde als die leiblichen Kinder, dass ihr Diabetes ständig als Rechtfertigung für irgendwelche Verbote herhalten müsse. Manchmal würde sie am liebsten alles, was den Diabetes betrifft, einfach in den nächsten Mülleimer werfen. Bevor sie mehr erzählen konnte, rief der (Pflege-) Vater sie aus dem Wasser. Ich vermute, er hat das Gespräch oder Teile daraus mitgehört. Helena sei kalt, sagte er, sie solle sich abtrocknen, man wolle nach Hause. Marie und ich beachtete er mit keinem Blick. Sie verabschiedete sich und ging davon. Marie und ich unterhielten uns noch eine Weile über Helena, verdrängten aber letztlich unsere vielen Fragen, schließlich würden wir sie wohl nie mehr wiedersehen. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Vor rund sechs Wochen waren Marie und ich erneut an diesem See. An einem Wochenende. Und wen trafen wir? Richtig, Helena. Ein Jahr älter, sehr viel größer geworden. Wir waren noch nicht aus dem Auto ausgestiegen, da kam sie angeflitzt, umarmte mich so heftig, dass ich fast mitsamt dem Rollstuhl umkippte. Marie saß noch im Auto, als sie die Tür öffnete, hüpfte Helena ihr auf den Schoß und umarmte auch sie. "Ich habe so gehofft, euch wieder zu treffen", sprudelte es aus ihr heraus. "Als zu Weihnachten klar wurde, dass wir wieder hierher in den Urlaub fahren, habe ich mir das ganz fest gewünscht und es ist wirklich in Erfüllung gegangen."

Ich wusste nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen konnte angesichts der lauten Alarmglocken, die in meinem Kopf bimmelten. Dieses Mal war nur die Mutter mit den drei Kindern am See. Wieder bekamen nur die beiden anderen Kinder ein Eis, wieder durfte Helena nur mit Schwimmflügeln ins Wasser, wieder erzählte sie uns, wie blöd es zu Hause lief. Die Eltern würden ganz klar kommunizieren, dass Helena nicht ihr eigenes Kind sei und die drei Kinder unterschiedlich behandeln. Inzwischen würden auch die beiden leiblichen Kinder Helena systematisch ausgrenzen. "Hast du schonmal mit jemandem darüber gesprochen?", wollte Marie wissen.

Helena antwortete: "Das Jugendamt sucht seit Monaten für mich eine neue Familie. Frau ..., das ist die Frau, die für mich zuständig ist, sagt aber, dass es ganz schwierig ist, eine neue Familie zu bekommen, weil ich schon 12 bin und das ein schwieriges Alter ist. Für eine Jugend-WG bin ich noch zu jung. Ich könnte in eine Betreuungs-Einrichtung, aber da möchte ich auf keinen Fall hin, lieber halte ich meine Pflege-Eltern aus. Die wissen natürlich auch, dass ich weg will, und deshalb kümmern die sich auch nur noch um das Nötigste."

"Hast du niemanden, den du mal besuchen kannst, so dass du mal ein Wochenende da raus kommst und etwas anderes siehst?" - Helena schüttelte den Kopf: "Das dürfte ich auch gar nicht. Meine Pflegeeltern wollen das nicht." - Am Ende des Tages gab Marie ihre Handynummer an Helena. Damit sie wen anrufen könne, wenn es ihr schlecht ging. Da Helena kein Handy dabei hatte, schrieb Marie ihr die Nummer auf ein Stück Papier. Ich sprach inzwischen mit der Pflegemutter, fragte sie, ob es nicht möglich wäre, dass Helena schwimmen lernt. So sehr wie sie im Wasser aufblühe. Keine Chance, das Kind sei behindert und eigentlich wolle man mit mir auch nicht reden.

Vor inzwischen drei Wochen ist es mir gelungen, die zuständige Mitarbeiterin des Jugendamtes telefonisch zu erreichen. Sehr lange habe ich mit Marie und auch mit Maries Eltern darüber gesprochen, ob wir diesen Kontakt suchen sollten. Maries Eltern fanden, wir sollten das unbedingt tun. Die Mitarbeiterin war gleich sehr freundlich und meine Befürchtung, sie würde mich gleich mit ihrer Schweigepflicht konfrontieren, war unbegründet. Sie erzählte zwar nichts über Helena, aber ich schilderte ihr meinen Eindruck und bat an, dass Helena gerne für ein Wochenende oder auch mal für eine Woche zu uns kommen könnte, um mal aus der Situation herauszukommen. Je nach Erfolg vielleicht auch mehrmals, vielleicht auch regelmäßig einmal pro Monat.

"Wären Sie denn grundsätzlich bereit, Helena als Pflegekind aufzunehmen? Soll das eine Art Probewohnen werden?" - "Marie und ich führen keine Beziehung, sind beide voll berufstätig. Für ein dauerhaftes Pflegeverhältnis sind wir eher nicht die richtige Wahl. Aber vielleicht für einen monatlichen Lichtblick, etwas Positives, mal raus kommen."

Ich zweifelte einen Moment, ob die Dame sich überhaupt mit solchen Dingen beschäftigen wollte und konnte. Aber sie war sofort sehr angetan. Meine Befürchtung, die Pflegeeltern könnten dem nicht zustimmen, zerstreute sie: "Das Sorgerecht liegt nicht bei den Pflegeeltern." - In der letzten Woche rief mich die Mitarbeiterin zurück. Man habe mit Helena gesprochen und sie würde sehr gerne und am liebsten sofort für ein Wochenende zu uns kommen. In den Schulferien sei das auch kein Problem. Wir müssten jedoch zustimmen, dass sich das örtliche Jugendamt zunächst ein Bild von unseren Lebensverhältnissen macht. Also einen Hausbesuch veranstaltet. Und es müsse sichergestellt sein, dass Helena ihre Medizin bekomme. Das sei etwas kompliziert. Ich sagte: "Wenn Sie nur den Diabetes meinen, das bekomme wir wohl zusammen hin." - Ich erwähnte, welchen Beruf ich ausübe.

Der Hausbesuch war heute morgen. Helena darf am Wochenende zu uns. Man habe keine Bedenken und begrüße unsere Idee ausdrücklich. Nur ich weiß derzeit, wie gesagt, wirklich nicht, ob ich Helena einen Gefallen tue, oder ihr einen Bärendienst erweise, wenn ich mich um sie ein wenig kümmere. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ich wünsche mir, dass Marie und ich ihr helfen können. Wir werden sie am Freitagabend mit dem Auto von ihrem Zuhause abholen. Es sind knapp über 100 Kilometer pro Strecke.

Mittwoch, 1. August 2018

Nein.

Nein. No. Nothing. Na. Nada. Nao. Ne. Nee. Nei. Nema. Net. Nic. Niente. Niets. Nihil. Nincs. Non. Nu. Ei. Hayir. Ingen, ingenting, intet. Kee. Rien ne va plus.

Verarschen kann ich mich alleine. Es hätte mir gleich komisch vorkommen müssen, wenn eine Klinik mich so umwirbt. Im Aufhebungsvertrag, den mein Anwalt mit meinem ersten und inzwischen ehemaligen Arbeitgeber ausgehandelt hat, legt die Klinik sehr viel Wert darauf, dass über die Gründe Stillschweigen bewahrt wird. Daher hat er mir empfohlen, nicht öffentlich zu schreiben, was genau mich bewegt hat, dort sofort alles hinzuschmeißen und mir einen neuen Job zu suchen.

Soviel kann ich aber sagen: Man muss sich nicht alles gefallen lassen. Ich bin ja einiges gewohnt und auch (inzwischen) bestimmt nicht (mehr) auf die Klappe gefallen, aber am Arbeitsplatz möchte ich mich auf meine eigentliche Arbeit konzentrieren und nicht die meiste Zeit damit verbringen müssen, innerbetriebliche Führungsprobleme auszubügeln.

Eigentlich wollte ich einen Monat frei machen, nun hatte ich nur wenige Tage frei und bin seit heute in einer anderen Klinik. So nah an meinem Wohnort, dass ich pendeln kann. Pädiatrie, also Kinderheilkunde. Stationsalltag, Schichtdienst, auch nachts. 200 Euro monatlich mehr, aber das war gewiss nicht der Grund, warum ich mich dafür entschieden habe. Hier ist wesentlich mehr Stress, dafür aber freundliche Kolleginnen und Kollegen. Zumindest dem ersten Eindruck nach. Das Haus ist wesentlich moderner ausgestattet, dafür sind aber auch viele Abläufe übermäßig strukturiert und es herrscht eine viel größere Anonymität.

Acht Ärzte teilen sich einen PC, im Ruheraum stehen zwei Betten, der Kühlschrank für Personal-Getränke wurde aus dem Aufenthaltsraum verbannt, weil er irgendwelche betrieblichen Normen nicht erfüllt und in meinem schnurlosen Telefon ist permanent der Akku leer. Dafür bekomme ich meine Klamotten wieder gestellt, ich muss erfreulicherweise keinen Kittel tragen, sondern nur Hemd und Hose. Leider keine weißen Jeans, sondern dunkelblaue Einheits-Baumwoll-Hosen, die entweder unten zu kurz oder oben zu weit sind.

Richtig spektakulär war am ersten Tag nichts. Meine Chefin wollte mir zuschauen, wie ich einem Kleinkind einen Venenzugang lege. Lief anschließend rund zwei Stunden, immer wieder telefonierend, hinter mir her. Sie war begeistert, als ich beim routinemäßigen Abhören einer Fünfjährigen einen Herzfehler im Stethoskop gehört habe und erwähnte das auch gleich, als der Chefarzt sich nach mir erkundigte. Er tauchte plötzlich auf, winkte meine Chefin nach draußen, ich konnte es aber trotzdem hören: "Wie macht sie sich?" - "Gut bislang. Sehr gut sogar, würde ich sagen. Hat Ohren wie ein Luchs und hört eine klickende Herzklappe drei Meilen gegen den Wind."

Er kam herein, steuerte direkt auf mich zu, nahm meine rechte Hand in seine beiden Hände und sagte betont freundlich und fröhlich: "Aaaaach, die neue Kollegin, schon mit ersten Erfolgen, hab ich gehört. Ich bin ..., wir hatten noch nicht das Vergnügen. Weiter so, ja?! Und falls Sie irgendwelche Fragen haben oder auch Probleme, ich stehe Ihnen selbstverständlich immer zur Verfügung."

Ich bedankte mich artig. Knicks ging nicht. Er nickte und verschwand genauso schnell wie er gekommen war.

Als ich Marie, die jetzt im letzten Drittel ihres Praktischen Jahres ist, von meinem ersten Tag erzählte, meinte sie: "Klingt doch erstmal ganz gut. Vielleicht finde ich dort ab Januar 2019 ja auch eine Stelle." Ich glaube, die Chancen sind wohl gut.