Dienstag, 21. August 2018

Ein Glas und dies und das

Sie hat es geschnallt. Beim dritten Anlauf. Helena kann sich im Wasser vom Rücken auf den Bauch drehen und wieder zurück, kann ohne Hilfe auf dem Rücken schwimmen und gewinnt mehr und mehr Vertrauen in das nasse Element. Bisher war ich immer in greifbarer Nähe und sie mochte auch nicht, dass ich mich weiter als zwei Meter im Wasser von ihr entferne, aber sie macht große Fortschritte. Womit bereits jetzt widerlegt wäre, dass sie wegen ihrer Behinderung nicht schwimmen könne. Papperlapapp!

Ein für mich sehr krasses Erlebnis hatten wir Sonntag beim Abendessen. Ich habe eine Reispfanne (mit Paprika, Tomaten etc.) gekocht, Helena deckte den Tisch. Ich muss sie nicht darum bitten, sondern sie hilft von sich aus. Schiebt einen Teller über den Tisch und stößt beim Zurückziehen ihres Armes etwas ungeschickt mit dem Ellenbogen gegen ein Glas, das daraufhin umfällt, vom Tisch rollt und auf dem Fliesenboden in siebenundzwanzig Teile zerspringt. Es knallt recht eindrucksvoll und ich hätte verstanden, wenn sie sich erschrickt. Stattdessen springt sie fast rückwärts von mir weg, guckt mich mit einem ängstlichen Blick an und reißt ihre Arme schützend vor ihr Gesicht. Das Mädchen ist völlig traumatisiert. "Das war keine Absicht", sagt sie hektisch, kleinlaut.

Ich bin sehr glücklich darüber, dass sie sich von mir einfangen lässt. Wenn ich die Arme ausbreite, kommt sie zu mir auf den Schoß. "Lass dich trösten", habe ich ihr gesagt. "Du hast dich bestimmt erschrocken von dem lauten Knall. Das ist ein wirklich unangenehmes Geräusch." - "Es erinnert mich so sehr an meine Pflegeeltern. Wenn die gestritten haben, flogen auch immer alle möglichen Sachen durch die Küche. Und wenn ich was runtergeworfen habe, gab es meistens sofort eine Ohrfeige." - "Die bekommst du von mir nicht. Ich schlage dich nicht." - "Kannst du da so sicher sein?" - "Ja. Ganz entschieden. Wenn ich jemanden schlagen würde, würde ich mich selbst nicht mehr mögen." - "Ich kann ganz schön schlimm sein, Jule. Ich hoffe, dass ich das zu dir und zu Marie nie bin." - "Du wirst nicht geschlagen. Weder von Marie noch von mir."

Sie hatte ihren Kopf an meinen Hals gelegt und weinte bitterlich. Sie war überhaupt nicht zu beruhigen. Ich habe sie bestimmt zehn Minuten nur festgehalten und an mich gedrückt. In der Zwischenzeit wurde das Essen kalt. Zum Glück hatte sie noch kein Insulin gespritzt. Nach zehn Minuten sagte sie: "Es tut mir leid, dass ich so neben der Spur bin und du das alles aushalten musst." - "Das ist völlig okay, es ist mir wichtig, dass du mir von den Dingen erzählst, die dich belasten. Du kannst sie nur verarbeiten, wenn du darüber redest." - "Ich habe dir doch gar nichts erzählt." - "Deine Tränen erzählen mir ganz viel, Helena." - Es dauerte einen Moment, dann sagte sie: "Wenigstens lachst du nicht über mich, wenn ich weine." - "Nein. Ich nehme dich und deine Sorgen ernst."

Plötzlich fing sie zu erzählen an. Eine Kurzgeschichte reihte sich an die nächste. Die Inhalte waren verstörend. Es bleibt mir ein Rätsel, wie man ein Kind so behandeln kann wie es die Pflegeeltern offenbar getan haben. Wie man einem Kind, noch dazu einem, das man freiwillig aufgenommen hat, permanent vermitteln kann, dass es unerwünscht und nutzlos sei. Ich verstehe es nicht. Es will nicht in meinen Schädel hinein. Was für mich immer klarer wird: Zum Konzept für die nächsten Jahre wird auch die Frage nach einer Psychotherapie gehören müssen. Nein, ich weiß, wir entscheiden das nicht.

Am späteren Abend hat sie ein Bild gemalt. Vorne liegt ein Buch, davor sitzt eine Möwe am Strand, dahinter ist das Meer, blauer Himmel, Marie und ich schwimmen. Was auffällig ist: Kinder zeichnen oft aus der Vogelperspektive. Quasi den Blick von oben auf das Geschehen. Nicht maßstabsgetreu, eher oberflächlich. Helena zeichnet aus ihrer Perspektive und macht daraus ein detailgetreues Bild, in dem Marie und ich den perspektivischen Fluchtpunkt bilden. Wie ein Foto, das auf uns fokussiert ist. Mit zwölf Jahren. Sehr ausdrucksstark.

Ihre ersten beiden Schultage sind offenbar sehr gut verlaufen. Sie hat Anschluss gefunden bei der Tochter einer Kollegin, die mit ihr in denselben Jahrgang geht. Und sich wohl auch noch mit einem anderen Mädchen angefreundet, das ich noch nicht kenne. Das Nachmittagsangebot der Schule haben wir bislang nicht nicht in Anspruch genommen, wie schon erwähnt, täglich bis 21 Uhr, wobei nach 17 Uhr wohl "nur noch" betreute Freizeit-Angebote sind. Aber dennoch, ich finde es klasse.

Und heute morgen? Hat sie den Frühstückstisch gedeckt. In aller Frühe, bevor ich sie wecken konnte. Mit einem Geburtstags-Topfkuchen, den sie gestern noch mit Marie zusammen gebacken hat. Kerzen drauf, eine Blume auf dem Tisch, die beiden haben Brötchen geholt ... so werde ich gerne geweckt. Es war Helena sehr wichtig, sagte Marie. Und ich habe mich sehr gefreut.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Ich habe das Gefühl,dass Helena für ihre Pflegefamilie nur eine Kapitalanlage war, dabei frage ich mich, ob das Jugendamt keine Kontrollen durchgeführt hat...Was du da schilderst grenz ja schon an Misshandlung durch die Pflegefamilie, da stellt sich die Frage, inwiefern das strafrechtlich von Interesse wäre. Inssgesamt aber Hut ab vor deiner Entscheidung, dem Kind zu helfen...

Clavicular von PL hat gesagt…

Alles Gute zum Geburtstag liebe Jule :)

Anonym hat gesagt…

Bei dem Punkt "noch kein Insulin gespritzt" fällt mir ein, hat Helena eigentlich eine Pumpe? Bzw. habt ihr mal kontrollieren lassen, wie effektiv ihre Pflegeeltern ihr Behandlung durchgeführt haben (bei deinen bisherigen Erzählungen muss man da ja ein bisschen zweifeln)?

Ich hab leider in letzter Zeit echt zu viel sehr junge Menschen gesehen (unter 30), die der Diabetes ziemlich kaputt gemacht hat, terminale NI, Blindheit etc...

Bei deinem beruflichen Hintergrund habe ich aber nur wenig Sorge! :)

AsJaMi hat gesagt…

Liebe Jule,
Ganz herzliche Glückwünsche.
Ich habe Deine Beiträge schon seit langem mit großer Hochachtung gelesen. Was Du jetzt über Helena schreibst, verursacht bei mir zum einen Herzrasen, weil ich vieles davon aus meiner eigenen Kindheit kenne, zum anderen aber auch ein großes Glücksgefühl zu wissen, dass Helena bei Euch einen sicheren Hafen gefunden hat. Es wird bestimmt nicht immer einfach für Euch alle drei, aber ich werde auf jeden Fall immer an Euch denken und Euch die Daumen drücken. Macht weiter so.

Anonym hat gesagt…

Happy Birthday… und weiter so!

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule,

was ich erstaunlich finde ist, daß Helena trotz der so offensichtlichen Mißachtung durch ihre Pflegeeltern ein so reflektiertes und aufgewecktes Kind ist. Da muß doch eine Vertrauensperson vor Dir in ihrem Leben eine nachhaltige, tiefe Spur in ihrer Persönlichkeitsentwicklung hinterlassen haben, oder?

Ich finde Dein und Maries Engagement uneingeschränkt bewundernswert – und man bekommt dafür soviel zurück! Ich weiß. wovon ich spreche, ich habe selbst ein Kind großgezogen, das ich nicht selbst gezeugt habe und das im Alter von sechs in mein Leben trat. (Allerdings hatte sie deutlich bessere Startvoraussetzungen als Helena, wodurch viele Eurer Problem gar nicht erst auftraten…)

Hut ab,
Peter

Anonym hat gesagt…

Ach du je. Schön dass ihr euch nun liebevoll kümmert. Bestimmt schreibst du solche Sachen auch fürs Jugendamt?! Wie dwm auch sei: Happy Birthday!

Olli hat gesagt…

Gratulation und alles Gute Dir!
Aber eine Frage habe ich: wer hat die 27 Schereben gezählt?

Jule hat gesagt…

Danke für die Glückwünsche!

@22.19, @0.00: Das Jugendamt und auch der Vormund bekommen unsere Beobachtungen geschildert. Ich gehe davon aus, dass man insbesondere die Sache mit dem Messer und die mit dem Kleiderbügel entsprechend durchreicht. Möglicherweise "sammelt" man auch noch.

@22.54: Nein, tatsächlich hat sie keine Pumpe, sondern hampelt mit zwei Pens herum. Ich kann es nur kurzfristig nicht ändern, da sie derzeit bei uns "nur zu Besuch" ist. Sie ist sehr diszipliniert (fast schon hart) mit sich, hat das Prinzip verstanden, von daher gibt es da keinen sofortigen Handlungsbedarf. Aber das Thema steht natürlich genauso auf der Agenda wie die angemessene Versorgung ihrer (anderen) körperlichen Einschränkung.

@Peter: Es ist gut möglich, dass es jemanden gegeben hat, der zumindest regelmäßig ansprechbar war. Das habe ich noch nicht herausgefunden. In einigen Bereichen ist ihre emotionale Entwicklung ihrem Alter deutlich voraus, in anderen allerdings nicht.

@Olli: Das ist das Ergebnis meiner gewissenhaften Schätzung beim Zusammenkehren.

jali hat gesagt…

Dir alles Gute zum Geburtstag!

Du schreibt, dass es Dir nicht in den Kopf geht, warum die Pflegeeltern das Kind so schlecht behandelt haben. Tatsächlich scheint genau das aber ein Ding zu sein, dass sich durch die Geschichte zieht: Ausgebeutete und mishandelte Waisenkinder sind ein klassisches Thema in der Literatur (denke nur an "Oliver Twist" von Charles Dickens). Ich selbst kenne eine Frau, die in einer Pflegefamilie aufgewachsen sind, und heute sagt, sie wäre vor allem billiges Hausmädchen gewesen. Das ist natürlich nicht immer so, aber oft.

Helena hatte ja nun Riesenglück, dass Sie euch getroffen hat.

Mich haben einige der Geschichten, die Du von ihr wiedergegeben hast sehr an ein Kinderbuch erinnert, dass ich gerade vor kurzem Mal wieder herausgekramt habe: "Anne auf Green Gables". Falls Helena es noch nicht kennt (sie liest ja offenbar gerne und viel), wäre das sicher was für sie. Ich kann mir vorstellen, dass sie sich mit der Hauptfigur gut identifizieren kann. Auch wenn das Buch schon über 100 Jahre alt ist.

Simone hat gesagt…

Hallo Jule,

ich finde es wirklich sehr faszinierend, dass dir solche "Kleinigkeiten", wie die Betrachterperspektive eines von Kinderhand gemalten Bildes direkt auffallen. Ich hätte es vermutlich nicht gemerkt und selbst wenn, der Sache keine Bedeutung zugemessen.

Alles Gute für dich, Marie und Helena!

ThorstenV hat gesagt…

Hier auch mein Glückwunsch. Eigentlich sind hier aber drei Mädles zu beglückwünschen https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Dreim%C3%A4derlhaus . Da Scherben bekanntlich Glück bringen, sieht das wohl auch das Universum so. Geburtstagsgeschenk ist per Internet nicht so einfach, aber Du hast dir das beste Geschenk ja schon selbst gemacht. Erstaunlich, was man mit ein wenig Vernunft und Menschlichkeit alles ausrichten kann.

Die M. hat gesagt…

Liebe Jule,
(nachträglich) alles Gute zum Geburtstag!
Helenas Reaktion kann ich angesichts ihrer Erfahrungen gut verstehen. Durch ihre Erfahrungen ordnet sie wahrscheinlich viele Situationen falsch ein und wird lernen müssen, alle möglichen alltäglichen Situationen neu einzuordnen. Dafür möchte ich ihr die Daumen drücken. Danke, dass du daran "mitwirkst", Jule. Es wird für Helena eine Freude gewesen sein, mit euch in Ruhe, ohne inneren und äußeren Stress, ohne laute Worte zu deinem Geburtstag frühstücken zu können.
Ich feuer' euch an!
Die M.

Tux2000 hat gesagt…

Jugendämter sind anscheinend oft überarbeitet, überfordert oder untermotiviert, oder alles zusammen. In Hamburg gab's 2012 einen Fall, bei dem ein Pflegekind in der Wohnung der drogensüchtigen Pflegeeltern qualvoll an einer Methadonvergiftung starb. (https://de.wikipedia.org/wiki/Kriminalfall_Chantal) Das ist natürlich nur ein extremes Beispiel, aber mich wundert Helenas Situation nicht. Leider.

Tux2000 hat gesagt…

Mal eine rein technische Frage an Jule, aus purer Neugier: Was hättest Du (nur technisch) gemacht, wenn Du versehentlich in die Scherben gefahren wärst und Dir dabei einen Reifen demoliert hättest?

Ich kenne platte Reifen nur vom Fahrrad und von Omas altem Rolli, und damit fährt es sich in beiden Fällen ziemlich schlecht. Kommst Du mit einem Platten am Rolli noch zu einer Werkstatt? Läßt Du den Kundendienst kommen? Reparierst Du den Schlauch selbst?

Jule hat gesagt…

@jali: Danke für den Tipp, muss ich mal recherchieren.

@Tux2000: Ich habe pannensichere Luftbereifung. In den Reifen ist ein Pannenschutzgürtel aus Kautschuk eingezogen, der auch Nägel und Reißzwecken nicht durchlässt. Funktioniert zuverlässig, da kommen keine Scherben oder Splitter hindurch.

Wenn es doch mal passieren sollte: Ich habe ein Ersatzrad zu Hause. Da die Räder ohnehin mit einer Steckachse versehen sind, da ich die Räder ja zum Verladen des Rollstuhls abbauen muss, sind das zwei Handgriffe. Anschließend gebe ich das Rad zum Tausch von Schlauch und Reifen zum Sanitätshaus, da die Krankenkassen nur Vertragspartner dran lassen und der Stuhl ja nicht mir gehört.

meg hat gesagt…

Alles Gute liebe Jule!! :)

Jimena hat gesagt…

Ich habe mit Tränen in den Augen gelesen, wie bei Euch mitten im Alltag heilendes Miteinandersein geschieht... Das Bild, das Helena gemalt hat, und die Art, wie du, Jule, es beschreibst - beides erinnert mich an das Märchen "Das hässliche Entlein" von H.C. Andersen: https://maerchen.com/andersen/das-haessliche-junge-entlein.php

Darin geht es um ein verwaistes und lange herumirrendes "hässliches Entlein", das erst andere Schwäne entdecken muss, um zu begreifen, dass es keine missratene Ente, sondern ein toller Schwan ist!

Dazu passt auch, wie Euch Helena in der Erstbegegnung mit Blicken an sich zog... ein verletztes Tier, das die Witterung seines Rudels aufgenommen hat.

Ich wünsche Euch alles Liebe!