Mittwoch, 15. August 2018

Mehr als eine Nacht

Am Montag war ich mit Helena schwimmen. Im Schwimmbad. Wir hatten ein Becken fast ganz für uns alleine, wir hatten eine Badaufsicht fast für uns alleine und wir haben im flachen Wasser angefangen. In Rückenlage. Es hat einige Zeit gedauert, bis sie sich soweit fallen lassen konnte, dass sie sich flach in Rückenlage auf das Wasser gelegt und ihre Arme ausgebreitet hat. Der schwierigste Punkt war, dass sie merken musste, dass das Wasser sie trägt. Dazu taucht in Rückenlage der Kopf fast komplett ein, am Ende sind die Ohren unter Wasser und nur die Augen, die Nase und der Mund schauen raus. Als Helena verstanden hatte, dass sie bis an diese äußerste Grenze gehen muss, um Erfolg zu haben, klappte es. Ein paar Mal habe ich die Kopfhaltung korrigieren müssen, damit ihr das Wasser nicht über den Mund läuft, aber dann lag sie, anfangs noch etwas verkrampft, später recht locker, auf dem Wasser. Am Ende hat sie sogar zwei, drei Mal mit ihren Armen Schwung gegeben. Es wird noch zwei, drei Stunden dauern, bis sie die erste Bahn alleine schwimmt. Aber sie hat verstanden und Marie zu Hause als allererstes ganz stolz erzählt, dass sie das Schwimmen lernen wird. Der übliche Satz kam auch von ihr: Sie hätte nicht geglaubt, dass das geht.

Am frühen Abend bekam ich einen Anruf. Ob ich bitte, bitte einen einzelnen Nachtdienst machen könnte. Eine Kollegin sei krank geworden und man könne die Quote nicht mehr einhalten, die man bräuchte. Auf einen Nachtdienst bereite ich mich ja gerne vor, indem ich mich nachmittags sehr ausruhe und nicht noch Schwimmen gehe. Aber okay. Am Ende musste ich gar nichts machen, bin um elf Uhr in ein Bereitschaftszimmer gerollt, habe mich hingelegt, bin eingeschlafen und baute plötzlich eine weinende Männerstimme in meinen Traum ein, die tatsächlich im Bereitschaftszimmer herzzerreißend schluchzte: "Das Paradies ist abgebrannt. Ich hab Heimweh, ich will nur weg. Ganz weit weg. Ich will fort. Ganz weit fort." - Ich wachte auf und im selben Moment brüllte Purple Schulz: "Ich will raus!" scheppernd durch den Radiowecker, dessen Sleeptimer ich benutzt hatte. Ich musste mich erstmal orientieren, bevor ich mit Gänsehaut am ganzen Körper das Ding im völlig abgedunkelten Zimmer gefunden und abgestellt hatte. Wieso um alles in der Welt muss man sowas senden, wenn Socke einschlafen will?

Am nächsten Morgen bin ich wieder aufgestanden und nach Hause gefahren. Habe frische Brötchen mitgebracht und anschließend damit begonnen, unsere Bewerbung für Helena zu schreiben. Sie hat inzwischen gefragt, ob sie nicht auch länger bei uns bleiben könnte. Ob wir es uns nicht vorstellen könnten, dass sie bis zum Halbjahreswechsel [in der Schule, also Ende Januar 2019] bleibe. Sie wisse, dass sie eine Last sei, aber wenn sie immer lieb sei und keinen Ärger mache, dann sei sie doch vielleicht nur eine kleine Last und es wäre dann vielleicht einen Versuch wert.

Ich habe ihr erstmal erklärt, dass sie keine Last ist. Sondern ihre Berechtigung hat mit allen Herausforderungen, die ein Kind oder ein pubertierender Teenager mit nach Hause bringt. Mit allen Launen und jedem Ärger, den das mitbringt. Aber dass so etwas eben auch nur funktionieren kann, wenn wir auf diese Herausforderungen eine Antwort finden, mit der alle leben können. Und dass es sehr fraglich ist, ob wir dafür überhaupt die Zustimmung des Jugendamtes bekämen. Und wenn, dann nicht für ein halbes Jahr. Zwar immer mit der Option, etwas, was überhaupt nicht mehr funktioniert, zu beenden, aber schon auf Dauer ausgerichtet. Helena fand das klasse. Allerdings weiß ich auch, dass ihre Angst vor dem Wohnen in einer Einrichtung ihre Meinung sehr beeinflusst.

Wir haben das Angebot, dass sie eine Ganztagsschule besucht. Damit wird es sich hinbekommen lassen, dass immer einer von uns erreichbar ist. Marie und ich werden nicht gleichzeitig Nachtdienst haben, das lässt sich immer einrichten. Und für alles andere lassen sich individuelle Lösungen finden. Eine Zwölfjährige ist kein Baby mehr und sie wird auch mal eine Stunde oder zwei alleine zu Hause sein können, ohne dass die Welt davon untergeht. Marie und ich wissen, dass wir damit eine ernste Entscheidung getroffen haben, von der die Entwicklung eines Kindes abhängig ist. Aber wir sind uns sicher, dass wir es schaffen können und dass wir es gut hinbekommen werden. Wir haben mehr als eine Nacht darüber geschlafen.

Helena ist übrigens als Klappenkind zu Pflegeeltern gekommen.

Kommentare :

Leo hat gesagt…

Es wird nicht immer leicht sein,das wisst ihr ja, aber das ist es mit einem eigenen auch nicht😉
Mich würden die Stationen in ihrem Leben interessieren. Sie wird ja bestimmt nicht schon als Baby zu diesen Pflegeeltern gekommen sein bei so wenig Bindung... stellt sie eigentlich schon Fragen zu ihren richtigen Eltern und belastet sie dies?
Fühlt ihr euch eigentlich eher als "Mama" oder als Freundin?
Glückwunsch zum Kind!

Feststelltaste hat gesagt…

Wow, ich bewundere Euch!

Darf das Jugendamt Euch oder vorherigen Pflegeeltern überhaupt das mit der Klappe mitteilen? Sonst könnte es auch ein Floh sein, den irgendwer mal Helena ins Ohr gesetzt hat.

Michael hat gesagt…

Nur ein Wort: Mega!

Eric hat gesagt…

Eine sehr mutige aber tolle Entscheidung. Ich wünsch euch drei, sofern das Jugendamt auch mitspielt, viel Erfolg für die Zeit die jetzt vor euch liegt ...

Chrisi hat gesagt…

Erstmal herzlichen Glückwunsch, ich habe selber zwei Pflegekinder die auf jeden Fall eine Bereicherung sind, auch wenn es natürlich manchmal Schwierigkeiten gibt. Da Jugendämter ja kommunal sind, werden natürlich Dinge überall ein bisschen anders geregelt, falls ich aber irgendwie helfen kann frag ruhig.

@Feststelltaste:
Das Jugendamt ist ja daran interessiert eine gute Beziehung zu seinen Pflegeeltern zu haben, deshalb wird es neuen Pflegeeltern alle Informationen geben die weitergegeben werden dürfen. Die Geschichte des Pflegekindes gehört da auf jeden Fall dazu und ist notwendig damit neue Pflegeeltern nicht plötzlich vor irgendwelchen Überraschungen stehen.

Natürlich dürfen im Rahmen der Datenschutzgesetze nicht alle Daten weitergegeben werden, daher kann nicht überall ins Detail gegangen werden. Sowas wie Babyklappe fällt da eher nicht drunter. Vermutlich würden Namen und Details vorheriger Pflegefamilien nicht weitergegeben, aber sowas wie "war schon bei 4 verschiedenen Familien" würde man sicher vorher sagen. Falls es mehrere Familien gab würden sicherlich auch Hinweise (nicht unbedingt Details) für die Gründe des Scheiterns weitergegeben.

Wunderlich hat gesagt…

Mich befremdet das Misstrauen gegenüber dem Mädchen von vielen Kommentatoren.

Anonym hat gesagt…

Ich bin wirklich gespannt, was du uns noch alles berichten wirst. Auf jeden Fall wird es jetzt wieder ausreichend neue Fälle geben, von denen zu berichten kannst.

Werdet ihr euch eigentlich auch die Rollstuhl Basketball WM ansehen?

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule,
ich finde eure Entscheidung mutig und echt super. Seid versichert, dass das Jugendamt Pflegeeltern auch immer versucht zu unterstützen (wenn die Pflegeeltern das annehmen können). Eure Familienleben-Pläne hören sich sehr gut überlegt an, so dass dies wohl nicht zu mehr als dem "normalen" Familienchaos führen wird. Gratulation zu eurer Entscheidung und einem tollen Kind!

Graugrüngelb hat gesagt…

Respekt für Eure Entscheidung. Klingt, als hätte Helena richtig Glück im Unglück gehabt, dass ausgerechnet ihr vorbei geschwommen kamt.
Alles Gute für Euch 3!

Anonym hat gesagt…

Hut ab für diese Entscheidung! Das war kein Zufall, dass ihr euch begegnet seid , sondern Schicksal! Alles Gute für euch!

ThorstenV hat gesagt…

Einer außergewöhnlich Sache, aber trotzdem eigentlich wie immer. Jule schaukelt das Kind, jetzt sogar wörtlicher als sonst. Socke-Business as usual.