Sonntag, 30. September 2018

Nicht so gut

Manchmal gibt es auch bei mir Wochen, in denen gar nichts Besonderes passiert. Oder passieren besondere Dinge, die ich inzwischen gar nicht mehr als ungewöhnlich wahrnehme? Ich weiß es nicht. Ich fühle mich gerade irgendwie insgesamt überfordert, ich möchte sogar behaupten: Es läuft gerade nicht so gut. Die letzte Woche war so beschissen, dass ich froh bin, dass sie endlich vorbei ist. Voller Hoffnung, dass die nächste Woche besser wird. Etwas zumindest.

Das Jugendamt hat sich kurzfristig überlegt, dass es doch schön wäre, wenn Helena sich an diesem Wochenende eine Jugend-Wohneinrichtung anschaut und dort im Rahmen eines Probe-Wohnens eine Nacht schläft. Dort sei ein Platz frei geworden, der gut zu Helena passen würde. 300 Kilometer weit weg, in einem ganz anderen Bundesland. Marie und ich haben morgen abend unseren nächsten Erziehungs-Pflichtkurs, von dem ich im Moment gar nicht weiß, ob er noch nötig ist. Eigentlich sollte Helena heute wieder zurück zu uns kommen, heute bekamen wir von der Einrichtung einen Anruf, dass sie erst morgen kommt. Angeblich gab es technische Schwierigkeiten bei der Beförderung, mit ihr sei alles okay. Mehr sagt man uns aber nicht. Und Helena hat sich seit gestern nicht mehr bei uns gemeldet. Ich hoffe, dass nur etwas mit dem Handy nicht stimmt. Ladekabel vergessen, Karte leer, Handy kaputt, ... ich habe ein komisches Gefühl.

Am Montag hat mir jemand den Rückspiegel abgefahren. Und ist natürlich abgehauen. Zum Glück ist es nur der Rückspiegel und nicht noch die Tür oder die Scheibe, aber mal eben 250 € und einen Tag ohne Auto, da es ja keinen umgebauten Leihwagen gibt. Und das Auto ist ja auch gerade erst neu. Macht ja nix. Am Mittwoch hat mich einer eingeparkt, hat sich mit seinem Kleinstwagen mittig auf die Linie zwischen zwei Behindertenparkplätzen gestellt, so eng, dass er von meinem linken Nachbarn und von mir die Außenspiegel berührt hätte, wäre er noch einen halben Meter weiter vorgefahren. Es war nass, kalt, dunkel, ich fror, musste aufs Klo und habe zwei Stunden auf die Polizei und eine weitere halbe Stunde auf einen Abschlepper gewartet.

Am Donnerstag hab ich mich schon wieder mit meiner Oberärztin angelegt. Ja, die, die nicht lobt, sondern nur tadelt. Auf der Kinder-Intensivstation drehte ein Überwachungsgerät durch und gab ständig Alarme, obwohl nichts los war. Ich habe dann, als klar war, dass das Ding herumspackt, angeordnet, dass die Patientin mit ihrem Bett an einen anderen Platz kommt. Ständige Fehlalarme führen ja über kurz oder lang dazu, dass echte Alarme nicht mehr ernst genommen werden. Zusammen mit der zuständigen Schwester hat alles problemlos geklappt, anschließend keift mich meine Oberärztin an, dass das völlig unverhältnismäßig sei und ob ich überhaupt wüsste, was ein leeres Intensivbett koste. Ich habe mich dann hinreißen lassen zu dem Kommentar: "Auf jeden Fall weniger als wenn einer wegen eines defekten Geräts geschädigt wird oder sogar ganz den Löffel abgibt." - Ich weiß, ich hätte es mir sparen sollen.

Zwanzig Minuten später sollte ich zum Chefarzt, ich erwartete schon ein Donnerwetter, stattdessen kam sachliche Kritik: "Wenn Sie sich entscheiden, ein Intensivbett stillzulegen, weil da irgendwas mit der Technik nicht stimmt, dann überlassen Sie das doch bitte nicht den Kollegen, den Service anzurufen." - "Ich bin davon ausgegangen, dass das keine ärztliche Aufgabe ist und wollte nichts durcheinander bringen." - "Wenn Sie entscheiden, dass der Platz gesperrt wird, müssen Sie auch die Störung melden." - "Entschuldigung, das wusste ich nicht." - "Einfach mal die Dienstanweisungen lesen!"

Eine Stunde später kam ein junger Mann rein, war umgekippt, anschließend wieder aufgestanden und mit dem Fahrrad ins Krankenhaus gefahren. War gut drauf, lustig, locker, machte Späßchen und flirtete mit unserer Pflegeschülerin, die, wie er, noch nicht 18 ist. Sondern kurz davor. Ebenfalls wie er. Ich redete mit ihm, er versuchte, auch mit mir zu flirten und meinte albern, dass er hoffe, dass mein Stethoskop vorgewärmt sei, damit sich seine Nippel nicht aufstellten, wenn ich auf sein Herz horche. In dem Moment rauscht meine Oberärztin herein und keift herum, warum kein Erwachsener hier sei. Ich runzelte die Stirn. Daraufhin meinte sie: "Sie", und deutete dabei auf die Schülerin, "zählt nicht. Sie ist unter 18. Das heißt, Sie sind derzeit alleine mit einem Minderjährigen in einem Raum. Sie wissen, das ist gegen die Vorschrift."

Ich habe ihr dann später im Dienstzimmer zum gefühlten zehnten Mal gesagt, dass ich es nicht leiden kann, wenn Sie mich vor Dritten zurechtweist. Wenn sie Kritik hat, kann sie mich irgendwo zur Seite nehmen. Sie meinte, diese Diskretion stünde mir vielleicht in fünf Jahren mal zu. Wow. Ich sag ja, mit der habe ich meinen Spaß. Allerdings muss ich erwähnen, dass sie die einzige ist, mit der ich derzeit solche Probleme habe. Bei allen anderen Kolleginnen und Kollegen läuft es gut, wenn nicht sogar sehr angenehm.

Und sonst? Genau. Freitag. Seit Freitagabend ist bei uns zu Hause die Heizung defekt. Morgens ist die Hütte kühl, die Heizung zeigt "Störung" an. Zwei Mal haben sie schon das gleiche Bauteil ausgetauscht, ich habe das Gefühl, da ist eine ganze Charge im Eimer, weil nun zum dritten Mal das gleiche Teil defekt ist. Allerdings wird es nun neu ab Werk bestellt. Was zur Folge hat, dass das Haus kalt bleibt. Seit Freitag. Morgen mittag soll alles beisammen sein. Per Express. Zum Glück gibt es warme Bettdecken. Gute Nacht!

Samstag, 22. September 2018

Räuber-Essen

"Ich kann nicht schwimmen lernen, ich bin behindert", sagte Helena vor etwas mehr als einem Jahr. Man hatte ihr ernsthaft eingeredet, dass ihre Cerebralparese, die verhältnismäßig leicht ausgeprägt ist, der Grund dafür sein sollte. Vor einem Monat hat sie ihr Seepferdchen-Abzeichen gemacht, also einen Sprung ins Wasser und anschließend 25 Meter schwimmen sowie einen Gegenstand aus schultertiefem Wasser heraufholen. In der letzten Woche hat sie ihren Jugendschwimmschein in Bronze gemacht, also das, was früher der "Freischwimmer" war. Ich gebe zu, wir haben fleißig geübt. Vermutlich wesentlich mehr als man mit anderen Kindern übt. Aber sie hat es souverän geschafft, und für sie gilt, was für viele Menschen mit Einschränkungen gilt: Wasser ist ihr Element.

Es ist für mich ein Lehrstück. Das ewige Kapitel "Glaube versetzt Berge". Solange sie geglaubt hat, dass sie es wegen ihrer Einschränkung nicht kann, konnte sie es auch nicht. Als sie bei Marie und bei mir gesehen hat, dass man auch mit einer Querschnittlähmung gut schwimmen kann, gab es zuerst keine Argumente mehr. Und später gab es den Glauben daran, dass es machbar sei. Einmal mehr gilt, dass wir nicht die Steine setzen dürfen, aus denen eine Barriere wird. Es ist kein Hexenwerk, an jemanden zu glauben und ein Kind ernst zu nehmen.

Ein Bereich, den wir gerade sehr aufwändig be-ackern, ist ihre kindliche Unbefangenheit. Ich weiß, es gibt verschiedene Theorien, nach denen man eine einmal erlangte Befangenheit nicht mehr ablegen kann. Eingeschränkt durch Verbote, konfrontiert mit nicht altersgemäßen Aufgaben, eingeschüchtert durch die Angst vor Strafen, vielleicht aber auch motiviert von der Aussicht, bei uns bleiben zu dürfen, benahm sich Helena anfangs auffällig "artig", immer auf der Hut, nichts falsch zu machen. Als ihr mal ein Glas herunterfiel, erwartete sie Schläge.

Ich teile die Theorie, einmal erlangte Befangenheit nicht wieder ablegen zu können, nicht. Und umso mehr haben Marie und ich uns kürzlich darüber gefreut, als Helena mit ihrer derzeit besten Freundin, jene Tochter einer Kollegin von Maries Mutter, die mit Helena zusammen zur Schule geht, sich bei uns zu Hause verabredet hat und, als Krönung des Treffens, ein gemeinsames Abendessen angezettelt hat: Die beiden haben sich in den Garten gesetzt, mitten auf den Rasen, zwischen ihnen lag die Platte eines zusammengeklappten Campingtisches, reichlich gedeckt. Die Mission dabei: Räuber-Essen. Messer und Gabel gab es nicht, Tischmanieren auch nicht. Keine eigenen Teller, es wurde mit den Händen aus Schüsseln gegessen, schmatzend, rülpsend, kleckernd und vor allem: Ausgelassen und albern. Die beiden sahen aus wie die Ferkel und ich bin sehr froh, dass sie sich nach draußen verzogen und alte Sachen (von mir) angezogen haben. Als sie wieder rein wollten, habe ich beide mit T-Shirt und kurzer Hose gleich erstmal unter die Gartendusche gestellt, das gab die nächste Gaudi.

Inzwischen ist Helena so weit, dass sie ihre Grenzen austestet. Was zwar anstrengender ist, aber mir und auch Marie eintausend Mal lieber als ein ängstliches Kind. Beispielsweise im Anschluss an das Räuberessen meinte sie, auch beim gemeinsamen Fernsehen ständig betont laut rülpsen zu müssen. Zwei, drei Mal habe ich sie angeguckt, das reichte aber nicht. Marie fragte: "Brauchst du Aufmerksamkeit? Möchtest du gekrault werden?" - Sie rülpste ein "Nein" zurück. Ich sagte: "Och Helena, das ist eklig." - Ihre Antwort: "Ja, tschuldigung, das sollte eigentlich hinten raus."

Lachen wäre jetzt vermutlich kontraproduktiv. Marie übernahm das Wort: "Wir sind hier nicht in der Eckkneipe. Geh bitte in dein Zimmer und lass uns hier in Ruhe Fernsehen. Und mach die Tür hinter dir zu, wir wollen das nicht hören." - Helena guckte mich an, ich sagte: "Tschüss."

Es dauerte keine fünf Minuten, dann kam sie wieder. Mit feuchten Augen, bis zur Zimmertür: "Kann ich mich bitte entschuldigen?" - "Sicher." - "Das war doof von mir. Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe. Ich hatte irgendwie so einen Lauf und fühlte mich gut und ... eigentlich möchte ich keinen Streit." - Marie antwortete: "Damit wir uns nicht falsch verstehen: Niemand verlangt von dir, dass du die Luft in deinem Magen behältst. Aber das kann man leise machen und die Hand vor den Mund halten. Und wenn das zwischendurch vielleicht einmal richtig laut sein muss, habe ich auch kein Problem damit. Aber in einer Tour und dann noch mit so einem ekligen Spruch dazu ..." - "Marie? Es sollte lustig sein und es ist einfach daneben gegangen. Okay?"

Abgehakt.

Montag, 17. September 2018

Kartensalat

Ich dachte, es verläuft mal eine Woche, in der keine schrägen Dinge passieren. Nee. Nicht möglich. Meine Bank hat mir mein Kreditkartendoppel gekündigt. Nicht, weil ich damit Unsinn angestellt hätte oder meine Liquidität dahin ist, sondern weil ein Doppel viel zu teuer sei und die Bank es künftig nicht mehr anbiete. Es gebe in Europa kaum noch Stellen, die nur eine der beiden im Doppel vorhandenen Karten akzeptieren. Die Visakarte, also jene, die ich bisher favorisiert habe, fällt für alle jene Kunden weg, die vorher ein Doppel hatten.

Die verbleibende Masterkarte wird, anders als versprochen, aber längst nicht überall akzeptiert. Ich bestelle zum Beispiel für meinen Rennrollstuhl bei einem amerikanischen Händler Handschuhe und Reifen. Der akzeptiert nur Visa. Und ein internationaler Sportbekleidungs-Vertrieb ebenfalls. Also muss ich neuerdings die Visakarte zusätzlich haben, zusätzlich bezahlen und vor allem: Neu bestellen. Und weil jetzt alle neu bestellen, dauert es schonmal acht Wochen, und was schicken sie mir zu? Eine zweite Masterkarte.

Und buchen die Gebühr gleich zwei Mal ab. Plus zwei Mal 5 Euro für eine PIN-Aktivierung. Ohne dass ich je einen PIN erhalten habe. Und sperren mit dem erneuten Visakarten-Antrag, für den ich extra persönlich zur Bankfiliale gehampelt bin, die alte Masterkarte. Und die neue. Nun habe ich gar keine funktionierende Kreditkarte mehr. Wie gut, dass ich weder automatisch verlängernde Por*o-Abos laufen habe noch mit einer der inzwischen drei gesperrten Karten ein Onlineticket bei der Bahn im Voraus gekauft habe.

Und mein Bankberater? Zuckt mit den Schultern. Spricht von Chaos beim Vertragspartner und höherer Gewalt. Vermutlich möchte er selbst auch am liebsten stirnrunzelnd mit dem Kopf schütteln und herummeckern, darf es aber nicht. Wie gut also, dass ich Kunde bin.

Samstag, 8. September 2018

Wochenende

Auch wenn ich Hamburg sehr vermisse, fühle ich mich an der Ostsee sehr wohl. Gerade jetzt, wo es nachts wieder etwas kühler wird, finde ich das Klima, den Wind und die leicht salzige Luft sehr angenehm. Derzeit pendel ich vier bis fünf Mal pro Woche in eine Großstadt, um dort zu arbeiten und mich in der Pädiatrie fortzubilden, und ehrlich gesagt freue ich mich, wenn ich Feierabend habe, auch sehr auf die Ruhe außerhalb einer hektischen Großstadt. Normalerweise kaufe ich nicht mal in der Stadt ein, einerseits, um die Geschäfte in meiner Nähe zu unterstützen, andererseits, weil es dort nicht so viele seltsame Leute gibt. Oder vielleicht sind sie auch auf ihre Weise seltsam, nur komme ich mit ihrer Weise besser zurecht.

Dass mir im Supermarkt einer im Vorbeigehen an die Ti..en fasst, kann wohl fast nur in der Großstadt passieren. In einem kleinen Ort gibt es immer jemanden, der jemanden kennt; das Risiko, erkannt zu werden, ist viel zu groß. Ja, es ist eine Sauerei und eine Erniedrigung, aber ich werde das verkraften. Auch wenn es ganz schön weh tat und schon der Gedanke daran widerlich ist. Schade, dass ich das nicht schnell genug realisiert habe und zu perplex war, um angemessen zu reagieren. Das ärgert mich am meisten. Der Typ ging, während ich in der Warteschlange an der Kasse stand, durch den Gang der geschlossenen Nachbarkasse (wo aber die Sperre nicht geschlossen war) und griff mir im Vorbeigehen von schräg oben an meine rechte Brust, drückte einmal kräftig zu, und verschwand zügigen Schrittes nach draußen. Weder die ältere Dame vor mir noch der Herr hinter mir haben scheinbar etwas mitbekommen. Leider tun solche Menschen so etwas ja nicht, weil sie mich toll finden. Oder meinen Körper. Nicht, dass das so eine Aktion rechtfertigen würde, aber diesen Gedanken fände ich um einen Hauch angenehmer als das Wissen, dass er mir lediglich seine Macht zeigen wollte.

Als ich wieder vor der Tür war, war er weg. Auf dem Weg zum Auto musste ich über die Straße, und während ich an einer Ampel wartete, blieb auf dem Fußweg gegenüber eine ältere Dame mit ihrem Gehwagen offenbar an einer Unebenheit hängen und stürzte vorwärts und mit dem Kopf voraus laut scheppernd über ihr mit Einkaufstüten vollständig behängtes Hilfsmittel. Aua. Positiv war, dass auf beiden Fahrstreifen sofort mehrere Autofahrer anhielten, ausstiegen und der Frau helfen wollten. Auch eine Radfahrerin hielt an, stieg vom Fahrrad ab und kümmerte sich. Mit vereinten Kräften versuchte man, die Frau wieder aufzurichten, was aber nicht gelang. Negativ war, dass man offenbar ohne zu überlegen handelte. Sinnvoller wäre es, die Frau erstmal auf dem Boden liegen zu lassen. Ihr Bewusstsein trübte nämlich in der nächsten halben Minute ganz offensichtlich und von Weitem erkennbar ein. Inzwischen wurde die Ampel grün, ich rollte auf die andere Seite. "Hallo, lassen Sie die Frau mal bitte auf dem Boden." - "Echt? Warum das denn?" - Ich sprach die Frau an: "Hören Sie mich?" - Inzwischen setzten sie die Frau wieder auf den Boden ab. Ich sagte: "Schauen Sie mal, sie ist gar nicht richtig ansprechbar. Ich rufe einen Krankenwagen."

Als ich mein Telefon rausgekramt hatte und den Notruf gewählt hatte, versuchte ich, ihren Puls zu tasten. Der war eindeutig vorhanden und sehr schnell. Ich nahm eine Alkoholfahne wahr. Der Disponent in der Leitstelle meldete sich mit der Frage, wo der Notfallort sei. Nachdem ich ihm diesen genannt hatte, fragte er, was für ein Notfall vorliege. "Eine etwa 75 Jahre alte Frau ist auf den Kopf gestürzt und hat kurz danach das Bewusstsein verloren. Puls und Atmung sind vorhanden. Man muss von einem schweren Schädelhirntrauma ausgehen. Schicken Sie bitte einen Notarzt her." - "Ist die Frau ansprechbar?" - "Nein, sie ist bewusstlos." - "Ist sie alkoholisiert?" - "Möglicherweise." - "Ich schicke Ihnen einen Rettungswagen." - "Schicken Sie bitte den Notarzt, es besteht der Verdacht auf ein schweres Schädelhirntrauma." - "Sind Sie vom Fach?"

Alter! Willst du das jetzt ausdiskutieren bis sie an ihrer Hirnblutung gestorben ist? Beim Sturz über einen Gehwagen und Aufprall mit dem Kopf voraus muss ich nicht fachkundig sein, um zu wissen, dass das eine Hirnverletzung hochwahrscheinlich macht. Wenn sie Pech hat, gleich mit Blutung, vielleicht hat sie sich auch noch die Halswirbelsäule verletzt, die Frau wird höllische Schmerzen haben, und dass sie kurz noch bei Bewusstsein war und jetzt nicht mehr, ist absolut kein gutes Zeichen. Aber bevor ich mich jetzt an der Diskussion auf Kosten von Zeit und Gesundheit der Frau beteilige, sagte ich nur: "Ja." - Und hätte in der Aufregung beinahe noch "Medizinstudentin" gesagt. - "Hilfe ist unterwegs."

Offenbar bringt mein Beruf den Nachteil mit sich, dass man nicht bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes am Telefon betreut wird. Allerdings ging es sehr schnell. Und tatsächlich war der Notarzt ebenfalls sofort entsandt worden und traf knappe zwei Minuten nach dem Rettungswagen ein. Auch er vermutete ein schweres Schädelhirntrauma und verlor keine Zeit, die alte Dame ins Krankenhaus zu bringen. Leider habe ich kein gutes Gefühl, aber ich hoffe natürlich, dass es ihr bald wieder besser geht.

In meinem Job musste ich gestern bei einem sechsjährigen Jungen einen Tubus wechseln. Also ihm einen neuen Beatmungsschlauch in die Lunge legen. Das ist bei Kindern nochmal herausfordernder als bei Erwachsenen. Der Junge liegt seit einem Ertrinkungsunfall im künstlichen Koma. Zudem kam er an ein anderes Beatmungsgerät, da es mit dem bisherigen ein technisches Problem gab. Die nette Stationsärztin, die nicht loben, sondern immer nur tadeln kann, war dabei und schaute mir mit Argusaugen auf die Finger, ohne selbst aktiv zu werden. Die weibliche Pflegekraft und ich arbeiteten gut zusammen, sie macht den Job schon seit über 10 Jahren. Das macht sehr viel Spaß, wenn jemand so routiniert ist. Es klappte alles richtig und zügig. Der Tubus lag, doch als ich das Beatmungsgerät anschließen und einschalten wollte, passierte: Nichts. Es leuchtete alles munter vor sich hin, aber es gab keine Fehlermeldung und keine Beatmung.

Bei Kindern wird der Tubus in aller Regel ja nicht geblockt, so dass man noch vorsichtiger sein muss, wenn man von seinen Routine-Handgriffen abweicht. Befestigt war er auch noch nicht. Ich drückte nochmal auf das Beatmungsgerät. "Du kannst den Tubus kurz loslassen", hatte die Pflegekraft von sich aus das Problem erkannt und übernahm, bevor ich etwas sagte. Wichtig ist dennoch der Austausch untereinander: "Ich habe Probleme mit dem Beatmungsgerät. Es läuft nicht." - Ich versuchte erneut, die Beatmung zu starten, ohne Erfolg. "Es beatmet nicht."

Ich wendete mich wieder dem Patienten zu. Die Aufgaben sind klar verteilt, die technische Bereitstellung des Geräts ist keine ärztliche Aufgabe. Die Pflegekraft versuchte sich an der Maschine, während ich mir einen Beatmungsbeutel schnappte, das Beatmungsgerät wieder abkoppelte und erstmal per Beutel beatmete. "Hat es Sauerstoff?", fragte ich. Die Pflegekraft prüfte die Steckverbindung an der Wand. "Jetzt hör ich es", sagte sie plötzlich. "Nee, das bin ich mit dem Beutel", antwortete ich. Es wurde keine Störung angezeigt, aber es lief auch nichts. Ich riskierte einen Blick auf die Stationsärztin, sie verdrehte die Augen. Tolle Hilfe.

Die Pflegekraft checkte die Sauerstoffverbindung am Gerät. Bingo. Sie war nicht richtig eingesteckt. Nun bekam das Gerät Sauerstoff und funktionierte. Wir konnten Beatmungsbeutel und Beatmungsgerät umgestecken. In der Zwischenzeit hatte ich vier Mal manuell beatmet, der Fehler war also schnell gefunden und meine Vermutung war goldrichtig. Die Beatmung lief, alles war richtig eingestellt, trotz Schwierigkeiten haben wir es hinbekommen. Wie schon gesagt: Sie tadelt gerne, folglich hat sie nicht gelobt, dass wir die Situation gemeistert haben, sondern mich zu tadeln versucht, dass das Beatmungsgerät nicht richtig angeschlossen war. Einmal lasse ich sowas ja durchgehen, aber nun war es genug: "Das ist nicht mein Problem. Ich kann voraussetzen, dass das bereitstehende Equipment fehlerfrei funktioniert." - Sie guckte mich an wie ein Auto. Bis Montag sehe ich sie erstmal nicht mehr. Ja, ich will was lernen. Aber anpampen lassen muss ich mich dazu nicht. Ich schätze, wir werden noch unseren Spaß zusammen haben. Aber jetzt ist erstmal Wochenende.

Mittwoch, 5. September 2018

Fünf Tage

Meine ersten fünf Arbeitstage sind vorbei. Am Wochenende, an meinen ersten beiden Tagen, könnte man meinen, es war der Wurm drin. Selbst einfachste Dinge wie Telefonieren waren ein Problem. Ich musste ein freies Bett organisieren und habe alle in Frage kommenden Stationen angerufen. Nein, nirgendwo sei ein Bett frei. Also blieb der junge Mann zunächst auf einer Privatstation, wohin er erstmal von der Notaufnahme verlegt wurde. Zwei Stunden später höre ich, dass Betten frei waren. Angeblich hätte ich die Frage falsch gestellt: Ich hätte fragen sollen, ob sie einen Patienten unterbringen können und nicht, ob ein Bett frei ist, weil Betten nie frei seien.

Herrje. Kurz darauf höre ich mir bei einem achtjährigem Mädchen mit einer inzwischen abgeklungenen Herzmuskelentzündung Lunge und Herz an, da fängt eine Schwester bei der Bettnachbarin an, einen venösen Zugang zu legen, was sie überhaupt nicht sollte. Also es sollte ein neuer Zugang gelegt werden, aber das war eigentlich mein Job. Sie punktierte hinter mir die Oberarmarterie. Wer vom Fach ist, weiß, was das für eine Sauerei geben kann, und natürlich gab es diese Sauerei. Das Kind schrie wie am Spieß, zappelte rum, und die pflegende Kollegin war alleine nicht in der Lage, die Blutung zu stoppen und ich konnte mich erstmal nicht umdrehen, weil es so eng war und ich zwischen zwei Betten stand. Da bleib mal ruhig.

Wenn man dann noch davon absieht, dass zwei Kinder an dem Wochenende auf der Intensivstation gestorben sind, beide sehr jung, bei beiden war es aber schon lange absehbar, dann war es eigentlich beinahe wie Urlaub. Am Montag bin ich zwischen 6 und 14 Uhr nicht ein einziges Mal auf Klo, geschweige denn zum Essen gekommen. Zwei Mal habe ich mir zwischendrin auf dem Flur einen halben Liter Mineralwasser auf Ex reingekippt, um nicht zu dehydrieren, zwei Mal auch mein Hemd gewechselt. Bin bei einer Reanimation einer Fünfjährigen dabei gewesen, erstmal waren wir erfolgreich, heute morgen ist sie dann doch verstorben. Derzeit liegt noch ein junger Mann dort, ich glaube, er ist 11, der da wohl auch nicht mehr lebend herauskommen wird. Wir rechnen eigentlich täglich damit. Und drum herum sind ganz viele andere kleine oder große Dramen und jede Menge besorgte Angehörige.

Am Montag habe ich noch vor Ort geduscht, es gibt eine Personaldusche mit Klappsitz, und unter der Dusche bestimmt eine halbe Stunde lang geheult, um den psychischen Druck des Vormittags wieder loszuwerden. Der Tag war schon sehr extrem. Als ich am Dienstag wieder dort war, bekam ich von einer Stationsärztin zu hören, dass ich mich besser konzentrieren müsse. Angeblich seien meine Dokumente voller Fehler. Ich dachte schon, ich hätte Lücken drin gehabt oder Schrott geschrieben, aber es war einmal "Schluckrefex" statt "Schluckreflex", einmal "orientierend intertische Untersuchung" statt "orientierend internistische Untersuchung" und einmal "Schleimhäute bande" statt "Schleimhäute blande". Als wenn mir das jeden Tag passiert. Dass die 30 anderen Dokumente ohne Fehler waren und ich bei der Behandlung der Patientinnen und Patienten keinen Fehler gemacht habe, hat man natürlich nicht nochmal extra erwähnt.

Und Helena? Ist eine absolute Schmusebacke. Sehr kuschelbedürftig. Nach wie vor sehr brav. In ihrer Schule gibt es neben Schatten auch viel Licht. Bis auf eine eher unangenehme Lehrerin (die ja immer dazwischen ist) ist Helena sehr zufrieden. Da sie wegen ihrer Cerebralparese nicht so schnell schreibt wie andere Kinder, darf sie beispielsweise Tafelbilder mit dem Handy abfotografieren. Für Klassenarbeiten hat sie eine Zeitverlängerung bekommen. Vom Sport ist sie erstmal befreit worden, das gefällt mir überhaupt nicht, aber erstmal muss da auch geschaut werden, dass sie überhaupt adäquat mit Hilfsmitteln versorgt wird. Sie braucht aus meiner Sicht unbedingt Orthesen, um mehr Halt in den Fußgelenken zu bekommen. Aber da ist der Vormund gefragt, denn solange sie nur zu Besuch ist, können (und werden) wir da kaum was machen. Da gibt es erstmal noch viel wichtigere Baustellen.

Am Montag waren Marie und ich bei einem Kurs für angehende Pflegeeltern, es war schon witzig, wie oft dort betont wurde, dass ja auch lesbische Paare Pflegekinder bekommen können. Wir haben den Irrtum nicht befeuert. Wir haben einmal am Anfang gesagt, dass wir "nur" zusammen wohnen, fünf Minuten später waren wir aber schon wieder ein Paar. Der Referent war ziemlich hohl, von Erziehung mag er ja Ahnung haben, aber wenn mir einer erzählen will, dass das "Deutsche Mietergesetz" mir vorschreibt, dass Kinder unter 14 Jahren alleine keine Waschmaschine bedienen dürfen, frag ich mich, in welchem Film ich bin. Den Vogel abgeschossen hat dann: "Wenn ein Kind auf die Straße rennt, können Sie es mit körperlichem Einsatz davon abhalten. Aber wenn es bei einer Erkältung ständig den Rotz hochzieht und runterschluckt, bringt Ihr körperlicher Einsatz nichts." - Wir haben nicht gesagt, dass Hochziehen und Runterschlucken absolut empfehlenswert ist.

Helena hat Marie und mir am Wochenende jeweils einen Brief aufs Kopfkissen gelegt. Für einen Moment habe ich mich erschrocken, anschließend aber sehr gefreut. Sie schreibt vieles, was ich hier nicht aufschreibe. Zusammengefasst schreibt sie aber, dass es ihr sehr gut geht und sie sehr glücklich ist.