Mittwoch, 5. September 2018

Fünf Tage

Meine ersten fünf Arbeitstage sind vorbei. Am Wochenende, an meinen ersten beiden Tagen, könnte man meinen, es war der Wurm drin. Selbst einfachste Dinge wie Telefonieren waren ein Problem. Ich musste ein freies Bett organisieren und habe alle in Frage kommenden Stationen angerufen. Nein, nirgendwo sei ein Bett frei. Also blieb der junge Mann zunächst auf einer Privatstation, wohin er erstmal von der Notaufnahme verlegt wurde. Zwei Stunden später höre ich, dass Betten frei waren. Angeblich hätte ich die Frage falsch gestellt: Ich hätte fragen sollen, ob sie einen Patienten unterbringen können und nicht, ob ein Bett frei ist, weil Betten nie frei seien.

Herrje. Kurz darauf höre ich mir bei einem achtjährigem Mädchen mit einer inzwischen abgeklungenen Herzmuskelentzündung Lunge und Herz an, da fängt eine Schwester bei der Bettnachbarin an, einen venösen Zugang zu legen, was sie überhaupt nicht sollte. Also es sollte ein neuer Zugang gelegt werden, aber das war eigentlich mein Job. Sie punktierte hinter mir die Oberarmarterie. Wer vom Fach ist, weiß, was das für eine Sauerei geben kann, und natürlich gab es diese Sauerei. Das Kind schrie wie am Spieß, zappelte rum, und die pflegende Kollegin war alleine nicht in der Lage, die Blutung zu stoppen und ich konnte mich erstmal nicht umdrehen, weil es so eng war und ich zwischen zwei Betten stand. Da bleib mal ruhig.

Wenn man dann noch davon absieht, dass zwei Kinder an dem Wochenende auf der Intensivstation gestorben sind, beide sehr jung, bei beiden war es aber schon lange absehbar, dann war es eigentlich beinahe wie Urlaub. Am Montag bin ich zwischen 6 und 14 Uhr nicht ein einziges Mal auf Klo, geschweige denn zum Essen gekommen. Zwei Mal habe ich mir zwischendrin auf dem Flur einen halben Liter Mineralwasser auf Ex reingekippt, um nicht zu dehydrieren, zwei Mal auch mein Hemd gewechselt. Bin bei einer Reanimation einer Fünfjährigen dabei gewesen, erstmal waren wir erfolgreich, heute morgen ist sie dann doch verstorben. Derzeit liegt noch ein junger Mann dort, ich glaube, er ist 11, der da wohl auch nicht mehr lebend herauskommen wird. Wir rechnen eigentlich täglich damit. Und drum herum sind ganz viele andere kleine oder große Dramen und jede Menge besorgte Angehörige.

Am Montag habe ich noch vor Ort geduscht, es gibt eine Personaldusche mit Klappsitz, und unter der Dusche bestimmt eine halbe Stunde lang geheult, um den psychischen Druck des Vormittags wieder loszuwerden. Der Tag war schon sehr extrem. Als ich am Dienstag wieder dort war, bekam ich von einer Stationsärztin zu hören, dass ich mich besser konzentrieren müsse. Angeblich seien meine Dokumente voller Fehler. Ich dachte schon, ich hätte Lücken drin gehabt oder Schrott geschrieben, aber es war einmal "Schluckrefex" statt "Schluckreflex", einmal "orientierend intertische Untersuchung" statt "orientierend internistische Untersuchung" und einmal "Schleimhäute bande" statt "Schleimhäute blande". Als wenn mir das jeden Tag passiert. Dass die 30 anderen Dokumente ohne Fehler waren und ich bei der Behandlung der Patientinnen und Patienten keinen Fehler gemacht habe, hat man natürlich nicht nochmal extra erwähnt.

Und Helena? Ist eine absolute Schmusebacke. Sehr kuschelbedürftig. Nach wie vor sehr brav. In ihrer Schule gibt es neben Schatten auch viel Licht. Bis auf eine eher unangenehme Lehrerin (die ja immer dazwischen ist) ist Helena sehr zufrieden. Da sie wegen ihrer Cerebralparese nicht so schnell schreibt wie andere Kinder, darf sie beispielsweise Tafelbilder mit dem Handy abfotografieren. Für Klassenarbeiten hat sie eine Zeitverlängerung bekommen. Vom Sport ist sie erstmal befreit worden, das gefällt mir überhaupt nicht, aber erstmal muss da auch geschaut werden, dass sie überhaupt adäquat mit Hilfsmitteln versorgt wird. Sie braucht aus meiner Sicht unbedingt Orthesen, um mehr Halt in den Fußgelenken zu bekommen. Aber da ist der Vormund gefragt, denn solange sie nur zu Besuch ist, können (und werden) wir da kaum was machen. Da gibt es erstmal noch viel wichtigere Baustellen.

Am Montag waren Marie und ich bei einem Kurs für angehende Pflegeeltern, es war schon witzig, wie oft dort betont wurde, dass ja auch lesbische Paare Pflegekinder bekommen können. Wir haben den Irrtum nicht befeuert. Wir haben einmal am Anfang gesagt, dass wir "nur" zusammen wohnen, fünf Minuten später waren wir aber schon wieder ein Paar. Der Referent war ziemlich hohl, von Erziehung mag er ja Ahnung haben, aber wenn mir einer erzählen will, dass das "Deutsche Mietergesetz" mir vorschreibt, dass Kinder unter 14 Jahren alleine keine Waschmaschine bedienen dürfen, frag ich mich, in welchem Film ich bin. Den Vogel abgeschossen hat dann: "Wenn ein Kind auf die Straße rennt, können Sie es mit körperlichem Einsatz davon abhalten. Aber wenn es bei einer Erkältung ständig den Rotz hochzieht und runterschluckt, bringt Ihr körperlicher Einsatz nichts." - Wir haben nicht gesagt, dass Hochziehen und Runterschlucken absolut empfehlenswert ist.

Helena hat Marie und mir am Wochenende jeweils einen Brief aufs Kopfkissen gelegt. Für einen Moment habe ich mich erschrocken, anschließend aber sehr gefreut. Sie schreibt vieles, was ich hier nicht aufschreibe. Zusammengefasst schreibt sie aber, dass es ihr sehr gut geht und sie sehr glücklich ist.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Also wenn ich die Arztbriefe meines behandelnden Arztes lese... Da ist mehr falsch als nur 3 Vertippselfehler. Offenbar findet Deine Stationsärztin tadeln wichtiger als loben. Nach dem Motto: Nicht geschimpft ist genug gelobt. Ich hoffe Du lässt Dir dadurch nicht die Freude an der Arbeit verderben.

Anni hat gesagt…

Unser HNO betont immer wieder, dass es besser ist, hochzuziehen und runterzuschlucken.
Andernfalls treibt der Druck die Sekrete in die Nebenhöhlen...
Was stimmt denn nun?
Anni

Gaik hat gesagt…

Was ist das für ein Krankenhaus wenn da die Kinder reihenweise sterben?
Das du dann 30 Min unter der Dusche brauchst ist absolut verständlich, ich wäre nach 3Stunden nichtmal rausgekommen.

Aber das beste war der letzte Satz, ich hoffe jeden Tag wenn ich hier reinschaue auf einen Artikel namens "Sie bleibt" weil dann hat das Jugendamt endlich was richtig gemacht, denn Helena kann keine besseren Pflegeeltern als Dich und Marie bekommen.

Mit ergeben freundlichem gruß

Dat Gaik :)

Anonym hat gesagt…

Schön, dass es Helena so gut geht.

Zu deinem Job: Leider ist es ja noch immer so, dass neue Ärzte erstmal wie ein Idiot behandelt werden. Ich finde es total daneben. Aber ich hoffe man merkt bald was man an dir hat und wird dich dann einbeziehenund besser behandeln. Ich kann mir vorstellen, dass es aber auch am allgemeinen Miteinander liegen könnte. Wie sind die anderen Ärzte so zueinander? Wie Ärzte und Pflege? Was wünscht man sich voneinander? Vielleicht gibt's da bessere Wege.

FiAsKo_ hat gesagt…

Das mit dem 'freien Bett' hört sich an, wie ein Scherz für neue Mitarbeiter.

Beim Film soll es z.B. die optische Achse sein, die geholt werden soll; beim Raumausstatter soll die Lamperieleiter geholt werden.......

ThorstenV hat gesagt…

Wie mein alter Prfofessor immer sagte: Seien Sie nicht unglücklich, wenn Sie mehrere Probleme gleichzeitig bearbeiten müssen. Das schafft Perspektive und vermeidet Frustration. Meistens geht es bei mindestens einem voran.

Viel Kraft weiterhin!

Jule hat gesagt…

@Anni: Dein HNO-Arzt und ich sind uns einig. Wie bereits in dem Beitrag stand, ist gegen Hochziehen und Runterschlucken nichts einzuwenden.

@Gaik: Das hat nichts mit dem Krankenhaus an sich zu tun, sondern damit, welche Patienten und vor allem mit welchen Erkrankungen und / oder Verletzungen aufgenommen werden, wie groß es ist, etc. Zum Glück ist das aber nicht der Regelfall.

Simone hat gesagt…

Hallöchen Jule, es freut mich sehr, zu lesen, dass es Helena bei euch so gut geht! Ich wünsche ihr, Marie und dir alles Gute für die Zukunft. Viele Grüße

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule,

noch ein (weiterer) Kommmentar zu Helenas Situation:

Kennt Helena das Heim, das für eine kurzfristige Inobhutnahme zur Verfügung stünde?
Aus eigener Anschauung oder nur aus den Erzählungen ihrer (ehemaligen) Pflegeeltern?

Der Spruch "eine schlechte Familie ist besser als ein gutes Heim" ist zwar weit verbreitet, aber falsch.
Es kommmt immer darauf an, wie schlecht die Familie ist und wie gut das Heim, denn es gibt auch gute Heime!

Ein wichtiger Unterschied zwischen Heim und Familie ist in der Tat der Betreuungsschlüssel. In den meisten Heimen kommen mehr Kinder auf einen Betreuer als in der klassischen 4-köpfigen Familie.
2 Erzieher pro Schicht und 10-14 Kinder in einer Wohngruppe ist durchaus normal.

Und ja, je besser der Betreuungsschlüssel, desto teurer meistens das Heim und desto anspruchsvoller die (meist soziale) Ausgangssiutation der Bewohner.

Wobei ich mich frage, ob Helena so einen intensiven Betreuungsschlüssel überhaupt braucht. Mit ihrem Diabetes scheint sie ja ganz gut umgehen zu können und körperlich auch nur mäßig eingeschränkt zu sein.

Weiterhin gibt es noch einen Unterschied zwischen Pflegefamilien und Erziehungsstellen.
Pflegefamilien betreuen die Kinder quasi ehrenamtlich und erhalten lediglich die Sachkosten für das Kind (Bekleidungsgeld etc., solltest du tatsächlich mal beim Jugendamt nachfragen) sowie eine Art Aufwandsentschädigung.
Bei Erziehungsstellen wird eine fachliche Qualifikation der Pflegeeltern (z.B. ein sozialer Beruf, Erzieher, Lehramtsstudium, Sozialpädagoge, Heilerziehungspfleger, Psychologe o.ä.) vorausgesetzt und Erziehungsstelle zu sein ist ein Voll- oder mindestens Teilzeitjob. (inkl. Bezahlung, Sozialversicherung usw.)

Für Helena käme also eventuell auch eine Erziehungsstelle als Alternative zum Heim in Betracht. Es gibt Vereine, die geeignete Erziehungsstellen/Pflegefamilien vermitteln.
Es sei denn, dass das Jugendamt keine Mittel für eine Erziehungsstelle hat und sie aus Kostengründen bei einer Pflegefamilie unterbringen muss. (Dann käme aber mittelfristig auch ein Heim nicht in Frage, weil ebenfalls zu teuer.)


Eine weitere Alternative zum dauerhaften Wohnen bei euch könnte auch ein Internat sein und für Wochenenden und Ferien käme Helena dann zu euch.

Um Helena's Sicht der Dinge besser zu verstehen, wäre für Marie und dich sicher noch interessant, seit wann Helena bei der Pflegefamilie gewohnt hat und welche anderen Stationen es eventuell noch in ihrem Leben gab. Diese Informationen gehören sicherlich nicht alle ins Blog, aber wenn ihr ernsthaft erwägt, euch als Pflegeeltern zu bewerben, solltet ihr Informationen darüber bekommen.

Ich wünsche euch, das ihr den für euch und Helena richtigen Weg findet! (welcher auch immer das sein mag)

Liebe Grüße

Anonym hat gesagt…

Normalerweise kommentiere ich nicht, aber hier muss ich es einfach :-)
Als mein viertes Kind geboren wurde, habe ich innerhalb einer Woche deinen kompletten Blog gelesen/verschlungen. Letzte Woche im Urlaub kamen wir irgendwie auf das Thema Querschnittlähmung und ich erinnerte mich wieder an die Stinkesocke. Heute habe ich danach gegoogelt und deine letzten Einträge gelesen. Manchmal finde ich das Leben verwunderlich...ich habe deine Haltung zu so vielen Dingen schon immer bewundert, aber jetzt hast du auch noch ein Pflegekind aufgenommen - wie wunderbar! Unsere älteste Tochter ist jetzt Zwölf, ihre kleine Schwester zehn Jahre alt. Die Kleine hat eine Cerebralparese. Dann haben wir noch zwei Jungs mit Fünf und Vier und seit letztem Jahr sind wir Pflegeeltern von zwei ganz süßen Kleinen. So kann ich in vielen Bereichen nachvollziehen was ihr gerade leistet :-)
Ich wünsche euch alles Glück der Welt und kooperative Jugendämter, die die menschliche Seite höher bewerten als irgendwelche Verfahrensstandards.