Samstag, 22. September 2018

Räuber-Essen

"Ich kann nicht schwimmen lernen, ich bin behindert", sagte Helena vor etwas mehr als einem Jahr. Man hatte ihr ernsthaft eingeredet, dass ihre Cerebralparese, die verhältnismäßig leicht ausgeprägt ist, der Grund dafür sein sollte. Vor einem Monat hat sie ihr Seepferdchen-Abzeichen gemacht, also einen Sprung ins Wasser und anschließend 25 Meter schwimmen sowie einen Gegenstand aus schultertiefem Wasser heraufholen. In der letzten Woche hat sie ihren Jugendschwimmschein in Bronze gemacht, also das, was früher der "Freischwimmer" war. Ich gebe zu, wir haben fleißig geübt. Vermutlich wesentlich mehr als man mit anderen Kindern übt. Aber sie hat es souverän geschafft, und für sie gilt, was für viele Menschen mit Einschränkungen gilt: Wasser ist ihr Element.

Es ist für mich ein Lehrstück. Das ewige Kapitel "Glaube versetzt Berge". Solange sie geglaubt hat, dass sie es wegen ihrer Einschränkung nicht kann, konnte sie es auch nicht. Als sie bei Marie und bei mir gesehen hat, dass man auch mit einer Querschnittlähmung gut schwimmen kann, gab es zuerst keine Argumente mehr. Und später gab es den Glauben daran, dass es machbar sei. Einmal mehr gilt, dass wir nicht die Steine setzen dürfen, aus denen eine Barriere wird. Es ist kein Hexenwerk, an jemanden zu glauben und ein Kind ernst zu nehmen.

Ein Bereich, den wir gerade sehr aufwändig be-ackern, ist ihre kindliche Unbefangenheit. Ich weiß, es gibt verschiedene Theorien, nach denen man eine einmal erlangte Befangenheit nicht mehr ablegen kann. Eingeschränkt durch Verbote, konfrontiert mit nicht altersgemäßen Aufgaben, eingeschüchtert durch die Angst vor Strafen, vielleicht aber auch motiviert von der Aussicht, bei uns bleiben zu dürfen, benahm sich Helena anfangs auffällig "artig", immer auf der Hut, nichts falsch zu machen. Als ihr mal ein Glas herunterfiel, erwartete sie Schläge.

Ich teile die Theorie, einmal erlangte Befangenheit nicht wieder ablegen zu können, nicht. Und umso mehr haben Marie und ich uns kürzlich darüber gefreut, als Helena mit ihrer derzeit besten Freundin, jene Tochter einer Kollegin von Maries Mutter, die mit Helena zusammen zur Schule geht, sich bei uns zu Hause verabredet hat und, als Krönung des Treffens, ein gemeinsames Abendessen angezettelt hat: Die beiden haben sich in den Garten gesetzt, mitten auf den Rasen, zwischen ihnen lag die Platte eines zusammengeklappten Campingtisches, reichlich gedeckt. Die Mission dabei: Räuber-Essen. Messer und Gabel gab es nicht, Tischmanieren auch nicht. Keine eigenen Teller, es wurde mit den Händen aus Schüsseln gegessen, schmatzend, rülpsend, kleckernd und vor allem: Ausgelassen und albern. Die beiden sahen aus wie die Ferkel und ich bin sehr froh, dass sie sich nach draußen verzogen und alte Sachen (von mir) angezogen haben. Als sie wieder rein wollten, habe ich beide mit T-Shirt und kurzer Hose gleich erstmal unter die Gartendusche gestellt, das gab die nächste Gaudi.

Inzwischen ist Helena so weit, dass sie ihre Grenzen austestet. Was zwar anstrengender ist, aber mir und auch Marie eintausend Mal lieber als ein ängstliches Kind. Beispielsweise im Anschluss an das Räuberessen meinte sie, auch beim gemeinsamen Fernsehen ständig betont laut rülpsen zu müssen. Zwei, drei Mal habe ich sie angeguckt, das reichte aber nicht. Marie fragte: "Brauchst du Aufmerksamkeit? Möchtest du gekrault werden?" - Sie rülpste ein "Nein" zurück. Ich sagte: "Och Helena, das ist eklig." - Ihre Antwort: "Ja, tschuldigung, das sollte eigentlich hinten raus."

Lachen wäre jetzt vermutlich kontraproduktiv. Marie übernahm das Wort: "Wir sind hier nicht in der Eckkneipe. Geh bitte in dein Zimmer und lass uns hier in Ruhe Fernsehen. Und mach die Tür hinter dir zu, wir wollen das nicht hören." - Helena guckte mich an, ich sagte: "Tschüss."

Es dauerte keine fünf Minuten, dann kam sie wieder. Mit feuchten Augen, bis zur Zimmertür: "Kann ich mich bitte entschuldigen?" - "Sicher." - "Das war doof von mir. Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe. Ich hatte irgendwie so einen Lauf und fühlte mich gut und ... eigentlich möchte ich keinen Streit." - Marie antwortete: "Damit wir uns nicht falsch verstehen: Niemand verlangt von dir, dass du die Luft in deinem Magen behältst. Aber das kann man leise machen und die Hand vor den Mund halten. Und wenn das zwischendurch vielleicht einmal richtig laut sein muss, habe ich auch kein Problem damit. Aber in einer Tour und dann noch mit so einem ekligen Spruch dazu ..." - "Marie? Es sollte lustig sein und es ist einfach daneben gegangen. Okay?"

Abgehakt.

Kommentare :

Daniela von Buchvogel hat gesagt…

Ihr seid einfach nur toll, ihr beiden, du und Marie. Alles richtig gemacht, ganz instinktiv. Ich hab wirklich Wasser in den Augen, was für eine Liebe.

ThorstenV hat gesagt…

"Abgehakt."
Ja, da gibt's nicht viel zu zu sagen. Genau so soll es sein.
Lektion 1. Spaß ist ok auch mit gelockerten Umgangsregeln, wenn das in seinen Grenzen bleibt. Die muss man kennen. Das ist Kultur, das weiß das neugeborene Altweltaffenkind noch nicht. Das Leben ist kein Räuberessen. Da muss man nicht für studiert haben, um zu wissen, dass man das dem Kinde beibringen muss, es aber auch kein Anlass für Tragödien ist, wenn's da so'n bischchen im Gebälk bei knirscht..

"Ich teile die Theorie, einmal erlangte Befangenheit nicht wieder ablegen zu können, nicht."

Ich auch nicht. Und ich hab den schweren Verdacht, dass das auf eine Pseudowissenschaft namens Psychoanalyse zurückgeht. Dieter E. Zimmer vertritt die Ansicht, dass das nett gemeint war: es sollte die Erwachsenen dazu bewegen, anständig mit Kindern umzugehen, um Ihnen nicht ihr ganzes Leben zu versauen. Mag sein. Ich teile jedenfalls seine Ansicht, dass auch wenn kindliches Leid keine irreversiblen Spätfolgen hat, es natürlich schon deswegen zu verhindern ist, weil es Leid ist, wenn es stattfindet. Mehr Begründung braucht's da nicht. Aber was schreib ich da schon wieder so viel? Die juleartigen Primaten verstehen das sowieso ohne Weiteres und die Nichtjuleartigen (vulgo die Idioten, die wir auch irgendwie mitziehen müssen und sei es nur wegen der Telefondesinfizierer) werden das höchstens zufällig lesen. https://de.wikipedia.org/wiki/Tiefenschwindel

Anonym hat gesagt…

Das erinnert mich an ein Gespräch mit meiner Mutter am Wochenende, wo es darum ging, warum Kinder sich oft zuhause "schlechter" benehmen als woanders. Eine Aussage von ihr ist mir sehr im Gedächtnis geblieben: "Das ist, weil Kinder schon wissen, dass sie dort geliebt werden. Sie müssen sich nicht beherrschen oder bemühen, wie bei anderen Leuten, weil sie wissen, dass ihre Eltern sie sowieso gern haben."
Es freut micht, das Helena sich bei euch auch so sicher und geliebt fühlt

Feststelltaste hat gesagt…

Das gehört dazu, und ihr habt super reagiert!

And now for something completely different:
https://www.theguardian.com/science/2018/sep/24/revolutionary-spinal-cord-implant-helps-paralysed-patients-walk-again

Der Ansatz mit der epiduralen Stimulation hat mich überrascht. Wenn ich es richtig verstanden habe, werden sogar nur Gleichströme verwendet, um die Empfindlichkeit für Restsignale zu verstärken. Dann sollte auch noch viel Luft sein, um das mit synchronen Signalen zu verbessern.

Ich hätte gedacht, dass das viel komplizierte wäre. Kommt davon, wenn man zu viel Nachrichten- und Regelungstechnik gelernt hat.

Fastdäne hat gesagt…

Moin, moin,
Ihr mutiert ja langsam zu "Super-Nannys". Ich hoffe nur, dass sich das was da am Wachsen ist auch nachhaltig fortsetzt. Euer Pflegling ist mit euch und Dank Euch auf einem guten Weg und erlebt wohl nach langer Zeit eine wirkliche Nestwärme, Respekt und Akzeptanz. Klar, dass da dann auch mal was übers Ziel hinaus geht und Grenzen aufgezeigt werden müssen. Das heißt Erziehung und Sozialisation und ist auch gerne mal Anstrengend und kostet Nerven und Kraft. Wobei wenn nicht ihr, wer dann sollte Nerven Kraft und Ausdauer mitbringen.

@ThorstenV: waren die "Telefonzellendesinfizierer" nicht auf den Weg zum Absturz in eine Sonne? Merke man kann sich von denen offenbar auch trennen! :-)
Gruß Frank

ThorstenV hat gesagt…

@Fastdäne
"Wobei wenn nicht ihr, wer dann sollte Nerven Kraft und Ausdauer mitbringen."

Nun, es ist ein Haushalt, in dem man weiß, was aus "ein undankbares und depressives Wesen, das man im Moment besser völlig in Ruhe lässt, weil es unerträglich ist" für ein Potential in sich bergen kann. http://jule-stinkesocke.blogspot.com/2009/02/guten-tag-sie-sind-ein-vollpfosten.html

Marie hat natürlich in der Praxis vermutlich genausoviel Anteil, aber das hier ist eben Jules Blog - und machen wir uns nix vor: ohne einen ordentlichen Sidekick läuft bei einem Superhelden gar nix. Nicht mal in Hollywood. We are set. Es kann losgehen. http://nonadventures.com/2011/09/02/das-reboot/

"@ThorstenV: waren die "Telefonzellendesinfizierer" nicht auf den Weg zum Absturz in eine Sonne?"

Der Plan hat aber nicht geklappt und sie sind hier gelandet. So erklären sich Jules merkwürdige Erlebnisse (Zitat: "Der Blog ist so haarsträubend, dass ich ihn für absolut unglaubwürdig halte" https://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Jule_Stinkesocke ) ganz einfach als Begegnung mit Außerirdischen. Die Man in Black haben mal wieder versagt.

"Merke man kann sich von denen offenbar auch trennen! :-)"

Die Zurückgebliebenen sind aber durch eine Seuche ausgelöscht worden, die sie sich an einen unzureichend desinfizierten Telefon geholt haben. Das Schöne an Jules Blog ist ja, dass man nicht nur viel über die Idioten in der Welt lernt, sondern auch darüber, wie man mit ihnen umgehen und wie weit man sie tolerieren kann. Die richtige Balance finden.

Und wem verdanke ich das alles? Der Bildzeitung!

Gäbe es diese Perle des Journalismus nicht und hätte FJW dort nicht seinen Unsinn in die Zeilen gekübelt, wäre Jule nicht der Kragen geplatz, sie hätte ihren Beitrag nicht geschrieben, der wäre nicht im Bildblog empfohlen worden und ich wäre nicht auf diese Perle der Blogospäre aufmerksam geworden.

Jule hat gesagt…

@ThorstenV: Ob sie nun ein Boulevard-Medium nutzen, um der Welt mitzuteilen, was sie so alles fasziniert, oder eine Wikipedia-Diskussion - manche Menschen wissen eben nicht, wie es hinter ihrem eigenen Horizont aussieht. Sollte mich das etwa beeindrucken?

ThorstenV hat gesagt…

@Jule 30. September 2018 um 22:13
Oh.
Das erste Perle war ironisch, das zweite gar nicht.
Kommt jetzt beim nachträglichen Drüberlesen nicht so richtig rüber.
Was soll ich sagen. Dereinst vulgo jetzt gleich wird man lesen: Unfall unter Beteiligung eines Rentnerporsches auf der Datenautobahn durch nicht vorschriftsmäßig mit der Lichtzeichenanlage angekündigte Stilrichtungsänderung. Sowas kommt davon, wenn Opa Cool nicht einsehen will, dass er alt wird.

"Sollte mich das etwa beeindrucken?"

Ok. Ich hab jetzt lange drüber nachgedacht. Ich glaube, es muss heißen:

Das sollte mindestens auf Platz 300 auf deiner Liste "Dinge, die mich vielleicht kurz beeindrucken sollten, wenn ich mal viel zuviel Zeit habe". Das muss ja irgendwo auch alles seine Ordnung haben.