Sonntag, 11. November 2018

Wilde Maus

Ganz lange - drei Jahre, um genau zu sein - war ich nicht mehr auf dem Hamburger Dom. Nee, das ist keine mit dem Rollstuhl erklimmbare Aussichtsplattform auf einer besonders großen oder besonders hübschen Kathedrale der Hansestadt, sondern ein Volksfest unweit der legendären Reeperbahn mit über 200 Schaustellern und mehr als 100 Gastronomiebetrieben. Über 10 Millionen Besucher zählt die Veranstaltung jedes Jahr. Den Namen hat sie aufgrund ihres ursprünglichen Veranstaltungsortes, dem ehemaligen Hamburger Mariendom, der um 1800 abgerissen wurde.

Man könnte vielleicht erwarten, dass mir kurz nach dem Tod meines Vaters der Sinn nicht nach Kirmes steht. Und trotzdem waren wir heute da und hatten viel Spaß. Und ich glaube sogar, dass es angemessen und gut war. Ja, der Tod meines Vaters ist ein emotionaler Moment, auch wenn wir in den letzten beinahe zehn Jahren keinen Kontakt mehr hatten, und er mich zuletzt wie den letzten Dreck behandelt hat. Aber dass ich mir jetzt aus moralischen oder ethischen Gründen eine Trauerzeit aufzwingen lasse, in der ich nicht lachen und keinen Spaß haben dürfte, sehe ich nicht ein.

Marie und ich hatten Helena schon seit Monaten versprochen, heute mit ihr das Volksfest zu besuchen, und sie hat sich bereits sehr darauf gefreut. Mit dabei waren Maries Eltern, bei denen wir vorher zum gemeinsamen Brunch verabredet waren. Helena, die vorher nach eigenen Angaben noch nie auf einem so großen Volksfest war, weil sie den 1,6 Kilometer langen Weg nicht schafft, bekam zum ersten Mal meinen alten Rollstuhl ausgeliehen. Zu Hause lässt sie keine Gelegenheit aus, um sich in Maries oder meinen aktuellen Stuhl zu setzen, sobald ich beispielsweise auf dem Sofa bin. Sie gurkt damit durchs Haus, kippelt damit herum und hat null Berührungsängste. Draußen war sie damit allerdings, von unserer Terrasse abgesehen, noch nie.

Es war proppevoll, was natürlich, weil Menschen nicht geradeaus gehen, sondern immer mal wieder stehen bleiben, rückwärts, seitwärts oder diagonal gehen, eine enorme Herausforderung war. Die Menschen gucken ja nicht, sondern stolpern seitwärts über uns oder springen plötzlich zur Seite, um mitten in einer Menschentraube Platz zu machen, obwohl man sowieso nur zwei Meter weiter kommt und schon seit fünf Minuten demjenigen langsam hinterherfährt. Ich würde behaupten, für Helena war es eine Herausforderung, die sie aber insgesamt sehr gut gemeistert hat. Und während sie zwischenzeitlich immer mal aufstehen konnte, um sich irgendeinem abgefahrenen Fahrgeschäft hinzugeben, musste ich mich von kräftigen Männern hineintragen lassen. In Autoscooter (mir tut noch alles weh), über Kopf drehenden Scheiß (mir dreht sich jetzt noch alles) und eine abgefahrene Geisterbahn, auf deren halber Strecke irgendein blutüberströmter Freak mit Kettensäge hinter uns herlief. Der gehörte aber zum Geschäft.

Marie musste mit Helena in die wilde Maus, eine Achterbahn, auf der einzelne Gondeln eher unsanft um die Kurven heizen. Und in irgendein Dreh-Katapult-Überkopf-Istmirschlecht-Teil, das immerhin so dicht neben der Kinder-Bimmelbahn lag, dass ich mich beim Zuschauen entscheiden konnte, ob ich lieber Awolnation oder den Wildecker Herzbuben zuhören wollte. Am Ende durfte sich unsere kleine wilde Maus noch einen klebrigen Liebes-Apfel mitnehmen und als sie gerade fünf Minuten im Auto saß, schlief sie bereits tief und fest.

Ich bin ganz froh, dass sie auf Wörter wie "Rollstuhl" oder "behindert" noch nicht so reagiert. Ich filtere diese und ähnliche Wörter inzwischen aus jeder Unterhaltung heraus. Heute sagte ein Paar, geschätzt um die 60 Jahre alt, während wir auf Marie und Helena warteten, zueinander: "Du, guck mal da! Die Familie da. Drei behinderte Kinder. Ich meine, wenn man eins hat und das zweite schon unterwegs ist, okay. Aber wie kann man mit 10 Jahren Abstand noch eins kriegen, wenn man schon vorher weiß, dass es behindert sein wird? Völlig verantwortungslos, sowas. Die armen Kinder."

Seine Frau antwortete: "Nicht so laut!" - Und Maries Mutter murmelte nur trocken: "Weißte Bescheid?!"

Samstag, 10. November 2018

Selbsternannter Alles

Da könnte man mal einen Tag ausschlafen. Einen Tag seit langer Zeit. Marie hat sich um Helena gekümmert, Helena war in der Schule und um halb neun bimmelte es an der Haustür. Einmal, zweimal, dreimal. Helena ist krank und sie hat ihren Haustürschlüssel vergessen? Nee, ein osteuropäischer Mensch stand vor der Tür und bat um Spenden. War angetrunken und erklärte: "Ich bin selbsternannter internationaler Menschenrechtler und selbsternannter Alles. Sie müssen mir Geld geben."

Dann allerdings gerieten seine Gedanken aus der Spur: "Was hast du gemacht, sitzen im Rollstuhl. Unfall gehabt?" - "Hören Sie, ich möchte nicht, dass Sie hier klingeln. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag." - Tür zu. Während ich mich wieder hinlegte, hoffte ich, dass der selbsternannte Alles nicht nochmal klingelt oder aus Frust in meine Hecke pinkelt. Ich war gerade wieder eingeschlafen, da bimmelte es tatsächlich erneut. Gleich zwei Mal hintereinander. Und kurz darauf wummerte jemand gegen die Tür. Jetzt reichte es.

Dieses Mal sah ich zwei Umrisse vor der Glastür. Zwei Menschen in blau. Die suchten bestimmt den selbsternannten Alles, dachte ich mir. Ich öffnete. "Guten Morgen, wir möchten zu Frau Socke." - "Steht vor Ihnen." - Nanu? Ist was mit Helena? Oder mit Marie? Vermutlich bin ich zu schnell gefahren. Oder zu langsam. Oder es geht um mein Auto, das ja noch auf dem Klinikparkplatz steht. Hat es jemand geklaut und ist damit gegen einen Baum gefahren? Sie fragten: "Dürfen wir mal reinkommen?" - "Eigentlich nicht. Worum geht es?" - "Sind Sie die Tochter von Herrn ... Socke, geboren am ...?" - "Dann kommen Sie doch mal rein."

Das hörte sich nicht gut an. Und meine Befürchtung sollte sich bewahrheiten. "Wir müssen Ihnen leider eine traurige Nachricht überbringen. Ihr Vater ist gestern abend tot in seiner Wohnung aufgefunden worden. Es tut mir sehr leid." - Ich hatte irgendwie damit gerechnet, dass das eines Tages auf mich zukommen würde. Aber so rasch? Ich antwortete: "Danke. Wissen Sie Genaueres?" - "Nein, wir haben nur die Bitte von den Kollegen aus ... bekommen, Sie zu benachrichtigen. Ich gebe Ihnen aber gerne die Nummer der örtlich zuständigen Wache, dann könnten Sie dort nachfragen." - "Ja, vielen Dank." - "Können wir noch etwas für Sie tun?" - "Nein, ich glaube nicht." - "Sollen wir jemanden anrufen, der zu Ihnen kommt, damit Sie nicht alleine sind?" - "Nein, das ist so in Ordnung. Ich habe zu meinem Vater seit fast zehn Jahren keinen Kontakt mehr gehabt. Das ist zwar eine sehr traurige Nachricht, aber ich bin einigermaßen gefasst." - "Dann wünschen wir Ihnen trotzdem noch einen schönen Tag."

Er wäre dieses Jahr noch 62 geworden. Das ist eigentlich kein Alter, um zu sterben. Ich bin heute, am Tag nach der Nachricht, spontan die rund 300 Kilometer zu seiner Adresse gefahren, kam natürlich nicht bis zur Wohnung, da sie im 2. Stock ohne Aufzug ist. Auf dem Hintern die Treppen hochrutschen wollte ich dann doch nicht. Ein älterer Herr fummelte auf einem vor dem Haus gelegenen Garagenhof an seinem Fahrrad herum, er fragte gleich, zu wem ich wollte, und wie sich dann herausstellte, wohnt er mit seiner Frau im ersten Stock schräg unter meinem Vater. Zu dem Nachbarn hatte mein Vater wohl bis zuletzt immer mal lockeren Kontakt gehabt. Er erzählte, dass er das Haus eigentlich seit zwei Jahren nicht mehr verlassen hatte. "Verschiedene Nachbarn haben für ihn eingekauft, das konnte er ja alles nicht mehr. Jetzt hatten wir uns gewundert, weil wir fast eine Woche nichts mehr von ihm gehört haben. Sonst kam er immer mal bis zu unserer Wohnungstür und redete mit uns, gab uns einen Einkaufszettel, aber nachdem wir gar nichts mehr von ihm hörten, sind wir nach oben und als niemand öffnete, haben wir den Krankenwagen angerufen. Naja, die haben ihn dann im Flur gefunden. Die Wohnung ist noch versiegelt, da darf im Moment noch niemand rein."

Paula, meine Halbschwester, wird am Donnerstag zu mir an die Ostsee kommen. Mit ihr fahre ich dann am Freitag noch einmal zu seiner Wohnung. Emma, meine andere Halbschwester, kommt am Freitag direkt aus Bayern dazu. Dann wollen wir das Chaos mal sichten und entscheiden, wie es weitergeht. Sofern die Obduktion nichts Auffälliges ergibt, wird die Wohnung bis dahin freigegeben sein.

Auch wenn es mein Vater war und die Nachricht an sich sehr emotional ist, trage ich das alles gerade sehr mit Fassung. Ja, es berührt mich, und ja, ich denke darüber nach, wie ich es mir (anders) gewünscht hätte, aber ich habe ihn fast zehn Jahre nicht gesehen. Und das, was ich zuletzt gesehen habe, wie er mich behandelt hatte, wie er meinen Unfall verarbeitet hat, hatte einen tiefen negativen Eindruck bei mir hinterlassen. Es ist meine rechtliche Pflicht, mich zusammen mit meinen beiden Halbschwestern darum zu kümmern, dass er bestattet wird, ich sehe es als meine moralische Pflicht, mich um die Wohnung und den Nachlass zu kümmern, sofern die finanzielle Situation nicht so unmöglich ist, dass es klüger wäre, gar nichts erst anzufassen. Aber mehr wird da nicht laufen.

Donnerstag, 8. November 2018

Achtzig und mehr

Wenn mich am Morgen nach zwölf Stunden Stationsdienst und weiteren zwölf Stunden Bereitschaftsdienst, in denen ich keine halbe Stunde gelegen habe, jemand fragt, ob ich die nächste Zwölf-Stunden-Schicht auch noch übernehmen könnte, weil so viele Leute krank sind, und ich dann ablehne und dann mir noch blöde Kommentare anhören muss, dann ist ein Zeitpunkt gekommen, wo ich mich - vorbei an allen Strukturen und ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten - beim obersten Chef melden muss. Er sei ja immer für mich da, hat er mir an meinem ersten Tag gesagt. "Dann werde ich ihn mal beim Wort nehmen", dachte ich mir und war gespannt, ob er sich noch an mich erinnern würde, denn wir hatten seitdem nichts mehr miteinander zu tun.

So überstand ich die ersten drei Stunden der dritten Zwölf-Stunden-Schicht in Folge noch irgendwie, um mir nicht sagen lassen zu müssen, mir wären die Gesundheit und das Leben von Kindern egal. "Ich müsste bitte unverzüglich mit dem Chef sprechen", sagte ich zu seiner Mitarbeiterin im Vorzimmer. Ob ich einen Termin hätte, wollte sie wissen, und als ich verneinte, holte sie bereits Luft, aber ich fuhr ihr in die Parade: "Er hat gesagt, er sei immer für mich da." - "Er telefoniert gerade. Warten Sie einen Moment, wenn ich sehe, dass er aufgelegt hat, versuche ich, dazwischen zu kommen. Sie arbeiten hier?"

Nee, ich hab die grünen Klamotten und das Stethoskop draußen im Müll gefunden. Ich hielt ihr meine Chipkarte, die an meiner Brusttasche hing, entgegen. Sie winkte ab, vielleicht hatte sie im selben Moment gemerkt, dass es schlauere Fragen gibt. Kurze Zeit später öffnete sich die Tür und der Chef kam heraus. Legte seiner Sekretärin eine Mappe auf den Tisch, kam auf mich zu und fragte: "Guten Morgen, wollen Sie zu mir?" - Ich nickte, ohne ein Wort zu sagen und ohne ein Lächeln aufzusetzen. Das hat ihn offenbar irritiert: "Ist was passiert?", fragte er. Ich schüttelte den Kopf und antwortete: "Noch nicht. Ich müsste Sie mal dringend sprechen."

"Kommen Sie rein", sagte er, hielt mir erst umständlich die Tür auf, schloss sie dann hinter mir, setzte sich auf seinen Stuhl, klickte irgendwas auf seinem PC weg und fragte: "Was gibt es denn so Dringendes?" - "Ich werde jetzt gleich nach Hause fahren. Weil meine Stationsleitung damit nicht einverstanden ist und mir bereits gesagt wurde, dass ich damit die Gesundheit der Patienten gefährde, möchte ich Sie vorher informieren." - "Warum wollen Sie denn nach Hause fahren?" - "Ich kann nicht mehr. Ich bin physisch und psychisch erschöpft." - "Sie sehen auch nicht gut aus. Bedrückt Sie etwas? Sie haben so verweinte Augen." - "Ich habe nicht geweint, ich bin übermüdet." - "Wie kommt das?", fragte er und fing an, gelangweilt auf seinem PC zu tippen.

Ich sagte: "Ich konnte heute nacht nur etwa zwanzig Minuten ruhen, weil so viel los war. Ich war mit Kollege ... alleine für alle vier Stationen da und wir mussten zeitweise priorisieren, weil wir nicht alle dringlichen ..." - Er guckte mich an und unterbrach mich: "Verstehe ich das gerade richtig, Sie haben schon einen Nachtdienst hinter sich?" - "Nein, einen Bereitschaftsdienst und einen Tagdienst. Ich bin jetzt seit über 27 Stunden durchgehend im Dienst und habe zusammengerechnet vielleicht 45 Minuten Pause machen können." - "Was?!" - "Ja, es ging nicht anders. Immer, wenn ich ..." - "Das meine ich nicht. Habe ich das richtig verstanden, Sie haben bereits 24 Stunden Dienst gehabt und sollen jetzt noch eine Schicht dranhängen?" - "Ja." - "Nein. Das kommt nicht in Frage. Sie machen sofort Feierabend. Sie können gehen. Entschuldigung, rollen. Ich regel das auf Ihrer Station. Die Kollegin ruft Ihnen ein Taxi. Sie fahren bitte nicht mehr mit dem Auto."

"Das geht ja schon seit Wochen so. Ich habe aus den letzten sieben Tagen schon über 80 Stunden auf der Uhr. Warum wird das toleriert?" - "Frau Socke, diesen Tonfall schätze ich überhaupt nicht. Ich sehe Ihnen aber nach, dass Sie völlig übermüdet sind. Ich kontrolliere Ihre Stunden nicht, dafür habe ich gar keine Zeit. Und es stünde ja auch nie dabei, warum sich ein Arbeitszeitkonto schnell füllt oder schnell leert. Da haben Sie schon ganz richtig entschieden, zu mir zu kommen. Dann kann ich etwas unternehmen. Das werde ich auch gleich tun, denn sowas wollen wir hier nicht. Dass man mal eine zweite Schicht übernehmen muss, weil Not am Mann ist, kommt vor. Das musste ich früher auch. Aber nach 24 Stunden ist keiner mehr fit. Sie fahren jetzt nach Hause und schlafen sich aus. Können Sie am Montagmorgen wiederkommen?"

Kann ich. Auf der Rückfahrt im Taxi rief mich mein Kollege an, der mit mir zusammen ebenfalls schon die Nacht gearbeitet hatte. Ich dachte erst, er wollte sich bei mir beschweren, dass er nun noch mehr Arbeit aufgehalst bekommen hat, und überlegte einen Moment, ob ich das wegdrücke, aber er erzählte mir, dass der Klinikdirektor ihn auf Station im Gang abgefangen und gefragt hätte, wie lange er bereits im Dienst sei. "Ich hab gesagt: Das ist die dritte Schicht in Folge. Da hat er gesagt: Sie fassen nichts mehr an und fahren sofort nach Hause. Nehmen Sie sich ein Taxi, damit Sie keinen Unfall bauen. Er hat mich gefragt, was ich gerade mache und sich bei mir entschuldigt." - "Das hat er bei mir nicht gemacht." - "Der war richtig in Fahrt. Ich möchte nur mal wissen, wen er jetzt alles von zu Hause geholt hat, denn außer uns beiden waren ja nur noch zwei weitere Leute da. Mit denen können sie unmöglich den Tagdienst machen." - "Ist das mein Problem?" - "Nö. Meins auch nicht. Ich habe bis Montag frei." - "Ich auch."

Freitag, 2. November 2018

Ein Stein in der Nacht

Und gleich wieder ein 24-Stunden-Dienst. Auch wenn die Hälfte davon Bereitschaft ist und ich zwischendurch versuche, zu schlafen, geht das so nicht weiter. Eigentlich möchte ich nicht mal 40 Stunden arbeiten, derzeit sind es aber eher 60 Stunden. Im Durchschnitt. Wenn sich hier von Seiten der Klinik keine Verbesserung in der Personalplanung ergibt, werde ich erneut den Arbeitsplatz wechseln. Das ist einfach too much.

Und es ist ja nicht so, dass man nachts durchschläft. Sondern in einer Tour ist irgendwas los. Kaum hat man die Augen zu, piept der Melder. Und meistens ist es irgendetwas Unnötiges. Hinzu kommt ja auch, dass ich danach nicht sofort wieder einschlafe. Ein Beispiel, eins von vielen, und ich warne schon vor, es wird eklig, möchte ich gerne mal notieren.

Es ist genau 3 Uhr und 24 Minuten, als es piept. Weil ich in dem Bereitschaftszimmer sowieso nicht gut und tief schlafen kann, bin ich sofort hellwach. Licht an, Wolldecke weg, rüber in der Rollstuhl, nichts vergessen, Tür auf, Licht aus, los. Durch eine elektrisch öffnende Tür ins Nachbargebäude, selbes Stockwerk, Stationszimmer. Die Schwester: "Man schickt uns ein 12 Jahre altes Mädchen mit Atemproblemen aus der Notaufnahme rüber." - "Aus der Notaufnahme?" - "Ja. Die haben dort keine Kapazitäten und es ist ein Kindernotfall." - "Was?!"

Mein Puls steigt sofort auf gefühlte 200 Schläge pro Minute. Die schicken jemanden mit Atemnot aus dem Schockraum weg? Aus Kapazitätsgründen? Entweder sind die Kollegen nicht ganz dicht oder das ist irgendwas, was nachts nichts in der Notaufnahme zu suchen hat. Okay, erstmal cool bleiben. Im Behandlungsraum schonmal Licht einschalten, Überwachungsgeräte sind alle bereit, eine Fachkraft aus der Pflege ist auch bereit. Nur die Patientin kommt nicht. Fünf Minuten vergehen, zehn Minuten vergehen. Dann, endlich, geht die Aufzugstür auf. Ein weinendes Mädchen, vermutlich 12, kommt zu Fuß. Gesichtsfarbe normal, von Atemnot keine Spur. Zwei überforderte Eltern, sehr ungepflegt, und eins, zwei, drei, vier weitere Kinder. Mitten in der Nacht. Zwei quengeln, einer hat einen Ball in der Hand und das vierte spielt mit der Aufzugstür und wird ein paar Sekunden später vom Vater an der Jacke weitergezogen.

Okay. Also tatsächlich irgendein banales Problem. Dafür unterbricht man mal wieder meinen Schönheitsschlaf. "Wer ist die Patientin? Bitte mitkommen, Mama oder Papa bitte mitkommen, alle anderen setzen sich bitte da drüben in den Warteraum und sind leise, hier schlafen Patienten." - Der kleine Junge beginnt, auf dem Flur mit dem Ball zu spielen. Die Klamotten der Mutter riechen, als kämen sie aus einer drei Jahre nicht gelüfteten Wohnung. Das Kind setzt sich auf die Behandlungsbank. Ich stelle mich vor. "Was führt dich denn mitten in der Nacht zu mir?"

Die Mutter antwortet, das Kind habe eine fette eitrige Mandelentzündung und das sei sehr schmerzhaft und unangenehm und deshalb bekomme die Tochter kaum noch Luft. Ich spreche das Kind an, das Kind hatte gerade aufgehört zu heulen, fängt aber jetzt wieder an. Beim Atmen weht mir ein übler Mundgeruch entgegen. Eitrige Mandelentzündung? Mitten in der Nacht? Alleine schon von dem Gestank weiß ich, dass da was nicht stimmt. "Wer hat die Mandelentzündung festgestellt?", frage ich.

Das Kind weint: "Meine Mutter. Das tut richtig weh im Hals und ich kann kaum richtig schlucken und kriege keine Luft." - "Und seit wann ist das so?" - "Ich bin aufgewacht und dann bin ich zu meiner Mutter und habe sie geweckt." - "Wir sind sofort mit ihr in die Notaufnahme."

"Dann lass mich mal bitte einmal in deinen Mund gucken", sage ich, organisiere mir eine Lampe und einen Spatel. Handschuhe habe ich sowieso schon an, vorsichtshalber binde ich mir noch einen Papier-Mundschutz um. Nicht nur wegen möglicher Bakterien, sondern vor allem wegen des Gestanks, der mich erwartet. Meine Kollegin aus der Pflege stellt unterdessen erstmal das Fußballspiel auf dem Flur ein. Meine Patientin will den Mund nicht aufmachen. "Es tut so weh."

Irgendwann macht sie den Mund dann doch auf. Keine eitrige Mandelentzündung. Überhaupt keine Entzündung. Übler, penetranter Mundgeruch und, vermutlich dafür verantwortlich, rechts ein fetter Tonsillenstein, der rund einen halben Zentimeter weit herausschaut. Das würde ein Fremdkörpergefühl erklären, aber Schmerzen? Und von Luftnot kann bei einer Sauerstoffsättigung von 100% und rosigen Schleimhäuten keine Rede sein. "Du hast einen Mandelstein, der vermutlich der Grund für deine Beschwerden ist." - "Kann man daran sterben?" - "Nein. Das ist völlig harmlos, kann aber im Hals etwas pieksen. Ich würde, damit die Beschwerden aufhören, ihn entfernen." - "Ich will keine Spritze." - "Da brauchen wir keine Spritze." - "Ohne Betäubung will ich auch nicht!" - "Da kann man nichts betäuben. Der Stein sitzt in einer Falte deiner rechten Gaumenmandel." - "Mama, ich will nach Hause."

"Meistens löst er sich von alleine. Falls er sich löst, spuckst du ihn bitte sofort aus, hier in die Schale. Okay? Nimm mal bitte deinen Kopf ganz weit nach hinten. Und jetzt mal bitte den Mund weit auf- und wieder zumachen." - Er löste sich nicht. Ich besorgte mir einen langen Wattestab, den ich etwas befeuchtete. "Schau mal bitte: Damit drücke ich jetzt einmal gegen dein Zahnfleisch, oben hinter dem letzten Zahn. Ist das okay? Das ist nur ein etwas längeres Wattestäbchen." - Sie nickte und machte den Mund auf. Und hielt still. Das Problem wird der Würgereiz sein. Wenn ich da drücke, wo ich drücken müsste, wird sie sofort ganz extrem würgen. Also ganz langsam herantasten. Eine riesengroße kalkige, stinkende Masse blitzt mir entgegen. Der Stein sitzt locker. Lange Pinzette an den Augen des Kindes vorbei, ganz vorsichtig ziehen, sie würgt nicht.

Zack, da ist er. Sie fängt kurz an zu würgen, aber da ist schon alles draußen. Sie weint schon wieder. "Ist alles erledigt. Hier ist der Stein. Hast du ganz tapfer gemacht." - Schlagartig hört sie auf zu weinen. "Die Schmerzen sind weg. Igitt, warum stinkt der so?" - "Das sind Speisereste, tote Zellen und das alles in anaerober Atmosphäre. Also ohne Sauerstoff. Das stinkt dann so. Und deswegen entsorgen wir den gleich. Möchtest du am Waschbecken deinen Mund mal kräftig ausspülen? Und dann zu Hause vielleicht mal mit etwas Mundwasser gurgeln. Und nochmal schön Zähne putzen. Okay?"


Das ganze Behandlungszimmer stinkt von diesem kleinen Stein. Und so ein Stein bildet sich nicht innerhalb von Stunden oder Tagen. Und eigentlich muss man damit auch nicht in die Notaufnahme. Aber wenn ich schonmal wach bin...

Donnerstag, 1. November 2018

101 mal gesucht

Ich habe mir mal wieder 101 Suchbegriffe, die Leserinnen und Leser hierher gespült haben, auswerfen lassen und mir so meine Gedanken dazu gemacht.

1. ab wann ist man erwachsen
Auf dem Papier ab 18 Jahren, in der Realität manchmal erheblich später.
2. abführzäpfchen vor schwimmbad
Keine gute Idee.
3. als mann nackt in der jeans sexy
Kommt drauf an, aber allemal besser als in einer Unterhose mit Sägefisch-Motiv.
4. am strand zelten
... ist meistens nicht erlaubt. Aus Gründen.
5. anderes wort für einst
Früher.
6. apfelmus einfrieren
Im Gefrierbeutel kein Problem.
7. aus versehen laut gepupst
Soll vorkommen, hab ich gehört.
8. aus versehen leise gepupst
Soll auch vorkommen.
9. badesee pinkeln alle rein
Alle wohl nicht, aber einige wohl schon.
10. bea hat das handy aus
Dann möchte Bea wohl nicht gestört werden.
11. behinderte ausleihen party
Alles klar bei dir?
12. behindertenfick strafbar
Nur, wenn jemand nicht zugestimmt hat.
13. beide eltern braune augen kind blaue fremdgegangen
Nein, ein Kind braunäugiger Eltern kann blaue Augen haben.
14. beim fernsehen einfach pupsen
Von mir aus kannst du beim Fernsehen machen was du willst.
15. beim orgasmus unangenehm pipi
Kann es sein, dass du gesquirtet hast?
16. birkenstock quietschen beim laufen
Ölen?
17. bist du nackt in der badewanne
Ja.
18. bist du sexy
Ich finde schon.
19. damenbinden besser als tampons
Das muss jede Frau selbst wissen. Ich finde Tampons besser als Binden.
20. darf ich dich was fragen
Nur zu.
21. darf ich mit unterhose duschen
Wer sollte es dir verbieten?
22. darf man in deutschland seine cousine heiraten
Soweit ich weiß, ja.
23. du bist nicht du wenn du untervögelt bist
Das stimmt.
24. du hältst jetzt deine schnauze
Ich sage ja gar nichts.
25. du hast eine meise
Derzeit ist keine im Garten. Es ist einfach schon zu kalt.
26. du kannst ja nichts dafür
Ich sowieso nicht.
27. du parkst wie eine wurst
Wie parkt denn eine Wurst?
28. endoskop baumarkt darmspiegelung
Lass es.
29. fachwort für zwanghaftes nasebohren
Rhinotillexomanie.
30. falsche freunde aussortieren
Das ist immer ratsam.
31. freundin trägt gerne pampers
Soll vorkommen. Stört es dich?
32. furzen beim essen
Finde ich jetzt nicht so lecker.
33. furzt du nachts im bett
Ja.
34. gäbe es eine möglichkeit
Immer.
35. gut küssen wichtig
Für mich ja.
36. hallo jule ich lebe noch
Ja, moin, das ist fein!
37. hast du ein pinkes stethoskop
Nein, aber ich weiß, dass das bei einigen Mädchen gerade der Renner ist.
38. hast du einen vorhang vor der badewanne
Nein.
39. heizung nicht angestellt ich friere
Tja, da weiß ich auch nicht, was man da machen könnte.
40. hört ihr es hat gegongt
Sowas nennt man akustische Halluzination.
41. ich drücke dir die daumen
Danke!
42. ich leihe dir geld
Nochmal danke, ist aber gerade nicht nötig.
43. ich muss ganz dringend pipi
Im Bad gibt es so eine weiße Keramikschüssel, da kann das rein.
44. im neoprenanzug bekomme ich gefühle
Viel Spaß.
45. im notfall aa in die windel
Das ist eine ziemliche Schweinerei.
46. jule findet marie sexy
Marie ist sexy.
47. jule in wirklichkeit busfahrerin
Ich hatte tatsächlich mal einen Kleinbus.
48. jule kommt aus dem schwarzwald
Das ist jemand anderes.
49. jule stinkt
Nö.
50. kann ein pferd schwimmen
Ja.
51. kann ich frische champignons essen
Wenn du sie verträgst und keine Allergie hast, wüsste ich nicht, was dagegen sprechen sollte. Aber bitte nicht ungewaschen.
52. kann ich singen
Sing mal.
53. kann jemand mit einem iq von 45 sprechen
Ja, eine Bekannte von mir hat einen IQ von 45. Ist sehr nett, sehr hübsch, kann aber keine Uhr und scheitert an ihren Schnürsenkeln. Weiß aber schon vor der Begrüßung, wie es dir gerade geht.
54. kann man in der ostsee baden
Ein wenig zu kalt im Moment, würde ich denken.
55. kannst du mir einen witz erzählen
Okay, noch einen gemeinen Behindertenwitz: Was machen siamesische Zwillinge im Sportunterricht? Ein Kopf-an-Kopf-Rennen.
56. können hummeln fliegen
Sagen wir mal so: Sie heben ab und sie landen wieder. Ob sie dorthin wollten, weiß man immer nicht so genau.
57. können kinder asthma kriegen
Ja, viele Kinder haben Asthma.
58. können querschnittgelähmte sex haben
Meine Lieblings-Dauerbrenner-Frage. Die Antwort lautet: Ja.
59. liliputaner korrektes wort
Kleinwüchsiger Mensch.
60. machen viele mädchen in ihre badesachen
Im Freibad hoffentlich weniger als im Meer.
61. mädchen können rülpsen
Das stimmt.
62. magst du polenböller
Nein.
63. masturbieren bei erkältung
Wenn dir danach ist ...
64. mein freund fährt gerne im rollstuhl
Meine beste Freundin macht das auch. Jeden Tag.
65. mein tampon geht nicht rein
Schön vorsichtig sein. Tu dir nicht weh.
66. mein trainer möchte sex und ich bin 17
Und was möchtest du?
67. meine eltern sind endlich volljährig
Glückwunsch!
68. meine freundin und ich machen gerade petting
Nee. Du tippst am Computer.
69. mit 18 schon volljährig
Auf dem Papier schon, in der Realität oft nicht.
70. mitschülerin und ich schmusen in der umkleide gibt es ärger
Wenn ihr den Unterricht verpasst, ja. Sonst eher nicht.
71. nackt im eigenen pool verboten
Wer verbietet das?
72. onanieren masturbieren unterschied
Streng genommen beschreibt 'masturbieren' die geschlechtliche Selbstbefriedigung und 'onanieren' den unterbrochenen Geschlechtsverkehr. Die Bibel erzählt, wie Onan mit einer Frau schläft, jedoch außerhalb auf den Fußboden ejakuliert und deshalb von Gott getötet wird (Genesis 38.9).
73. penis eingipsen
Nee, das geht nicht.
74. pferd furzt beim reiten
Das machen die doch oft.
75. pipi gemeinsame badewanne
Euer ganz spezieller Badezusatz?
76. querschnittgelähmt grad 3
Das kenne ich nicht.
77. raclette im puff
Feierst du Silvester im Puff?
78. radhose mit oder ohne unterhose
Ohne!
79. rollstuhl mieten
Es gibt bestimmt Sanitätshäuser, die einen verleihen. Dürfte vermutlich der letzte Heuler sein.
80. sally oben ohne gesehen
Ich noch nicht.
81. sauberstoffsättigung nachts 85
Das ist viel zu niedrig. Ab zum Arzt!
82. schienbein blut abnehmen unsinn
Nein, kein Unsinn.
83. schulpraktikum im puff machen
Den Vorschlag kannst du deinem Lehrer ja mal machen.
84. vor magenspiegelung zähne putzen
Ja.
85. wann darf man hupen drücken
Meine Hupen darf niemand drücken.
86. wann kommt dhl
Bei mir meistens so um die Mittagszeit.
87. wann macht penny auf
Keine Ahnung, dort kaufe ich selten ein.
88. warum ist sprit so teuer
Spekulatius, nä?
89. was bedeutet käsiger verfall
Das gibt es zum Beispiel bei Tuberkulose.
90. was ist eine otholite
Otolithen sind kleine Steine, die sich bei Wirbeltieren im Innenohr befinden und dort für die Wahrnehmung von Beschleunigung und Verzögerung des Körpers zuständig sind.
91. was ist supra reanimation fernsehen
Suprarenin ist synthetisch hergestelltes Adrenalin.
92. wenn die party eskaliert
... schickst du deine Gäste nach Hause.
93. wer bin ich
Sag du es mir.
94. wer hat meine telefonnummer
Ich nicht.
95. wespe im glas notarzt
Wenn sie bereits in den Mund oder Rachen gestochen hat, ist das nicht verkehrt. Solange sie aber noch im Glas ist, gibt es eine einfachere Lösung des Problems: Nicht trinken!
96. wie findest du knackige männer
Knackig.
97. wie fühlt sich eine leiche an
Kalt. Und durch die ungewohnt kalte Haut fühlt sich diese häufig sehr samtig an.
98. windeln im neoprenanzug sinnvoll
Im Trockenanzug macht das Sinn. Im Nassanzug nicht.
99. wird jemand mit schneewittchen syndrom gerne als baby behandelt
Vom Schneewittchen-Syndrom spricht man, wenn eine Mutter neidisch auf ihre Tochter ist und die Tochter dann, um die Mutter nicht unglücklich zu machen und weiter von ihr geliebt zu werden, ihren (externen) Erfolg abwendet, nicht mehr auf ihr Aussehen achtet etc. Gemeint ist hier vermutlich das Aschenputtel-Syndrom (oder Cinderella-Syndrom), bei dem vorwiegend junge Frauen mit ihrer Unabhängigkeit überfordert sind und sich in eine behütete Atmosphäre (zurück) sehnen.
100. wo ist jule
Hier!
101. wohin kommt der pokal?
Du könntest ihn ins Regal stellen. Oder ins Gästeklo. Je nachdem.