Donnerstag, 8. November 2018

Achtzig und mehr

Wenn mich am Morgen nach zwölf Stunden Stationsdienst und weiteren zwölf Stunden Bereitschaftsdienst, in denen ich keine halbe Stunde gelegen habe, jemand fragt, ob ich die nächste Zwölf-Stunden-Schicht auch noch übernehmen könnte, weil so viele Leute krank sind, und ich dann ablehne und dann mir noch blöde Kommentare anhören muss, dann ist ein Zeitpunkt gekommen, wo ich mich - vorbei an allen Strukturen und ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten - beim obersten Chef melden muss. Er sei ja immer für mich da, hat er mir an meinem ersten Tag gesagt. "Dann werde ich ihn mal beim Wort nehmen", dachte ich mir und war gespannt, ob er sich noch an mich erinnern würde, denn wir hatten seitdem nichts mehr miteinander zu tun.

So überstand ich die ersten drei Stunden der dritten Zwölf-Stunden-Schicht in Folge noch irgendwie, um mir nicht sagen lassen zu müssen, mir wären die Gesundheit und das Leben von Kindern egal. "Ich müsste bitte unverzüglich mit dem Chef sprechen", sagte ich zu seiner Mitarbeiterin im Vorzimmer. Ob ich einen Termin hätte, wollte sie wissen, und als ich verneinte, holte sie bereits Luft, aber ich fuhr ihr in die Parade: "Er hat gesagt, er sei immer für mich da." - "Er telefoniert gerade. Warten Sie einen Moment, wenn ich sehe, dass er aufgelegt hat, versuche ich, dazwischen zu kommen. Sie arbeiten hier?"

Nee, ich hab die grünen Klamotten und das Stethoskop draußen im Müll gefunden. Ich hielt ihr meine Chipkarte, die an meiner Brusttasche hing, entgegen. Sie winkte ab, vielleicht hatte sie im selben Moment gemerkt, dass es schlauere Fragen gibt. Kurze Zeit später öffnete sich die Tür und der Chef kam heraus. Legte seiner Sekretärin eine Mappe auf den Tisch, kam auf mich zu und fragte: "Guten Morgen, wollen Sie zu mir?" - Ich nickte, ohne ein Wort zu sagen und ohne ein Lächeln aufzusetzen. Das hat ihn offenbar irritiert: "Ist was passiert?", fragte er. Ich schüttelte den Kopf und antwortete: "Noch nicht. Ich müsste Sie mal dringend sprechen."

"Kommen Sie rein", sagte er, hielt mir erst umständlich die Tür auf, schloss sie dann hinter mir, setzte sich auf seinen Stuhl, klickte irgendwas auf seinem PC weg und fragte: "Was gibt es denn so Dringendes?" - "Ich werde jetzt gleich nach Hause fahren. Weil meine Stationsleitung damit nicht einverstanden ist und mir bereits gesagt wurde, dass ich damit die Gesundheit der Patienten gefährde, möchte ich Sie vorher informieren." - "Warum wollen Sie denn nach Hause fahren?" - "Ich kann nicht mehr. Ich bin physisch und psychisch erschöpft." - "Sie sehen auch nicht gut aus. Bedrückt Sie etwas? Sie haben so verweinte Augen." - "Ich habe nicht geweint, ich bin übermüdet." - "Wie kommt das?", fragte er und fing an, gelangweilt auf seinem PC zu tippen.

Ich sagte: "Ich konnte heute nacht nur etwa zwanzig Minuten ruhen, weil so viel los war. Ich war mit Kollege ... alleine für alle vier Stationen da und wir mussten zeitweise priorisieren, weil wir nicht alle dringlichen ..." - Er guckte mich an und unterbrach mich: "Verstehe ich das gerade richtig, Sie haben schon einen Nachtdienst hinter sich?" - "Nein, einen Bereitschaftsdienst und einen Tagdienst. Ich bin jetzt seit über 27 Stunden durchgehend im Dienst und habe zusammengerechnet vielleicht 45 Minuten Pause machen können." - "Was?!" - "Ja, es ging nicht anders. Immer, wenn ich ..." - "Das meine ich nicht. Habe ich das richtig verstanden, Sie haben bereits 24 Stunden Dienst gehabt und sollen jetzt noch eine Schicht dranhängen?" - "Ja." - "Nein. Das kommt nicht in Frage. Sie machen sofort Feierabend. Sie können gehen. Entschuldigung, rollen. Ich regel das auf Ihrer Station. Die Kollegin ruft Ihnen ein Taxi. Sie fahren bitte nicht mehr mit dem Auto."

"Das geht ja schon seit Wochen so. Ich habe aus den letzten sieben Tagen schon über 80 Stunden auf der Uhr. Warum wird das toleriert?" - "Frau Socke, diesen Tonfall schätze ich überhaupt nicht. Ich sehe Ihnen aber nach, dass Sie völlig übermüdet sind. Ich kontrolliere Ihre Stunden nicht, dafür habe ich gar keine Zeit. Und es stünde ja auch nie dabei, warum sich ein Arbeitszeitkonto schnell füllt oder schnell leert. Da haben Sie schon ganz richtig entschieden, zu mir zu kommen. Dann kann ich etwas unternehmen. Das werde ich auch gleich tun, denn sowas wollen wir hier nicht. Dass man mal eine zweite Schicht übernehmen muss, weil Not am Mann ist, kommt vor. Das musste ich früher auch. Aber nach 24 Stunden ist keiner mehr fit. Sie fahren jetzt nach Hause und schlafen sich aus. Können Sie am Montagmorgen wiederkommen?"

Kann ich. Auf der Rückfahrt im Taxi rief mich mein Kollege an, der mit mir zusammen ebenfalls schon die Nacht gearbeitet hatte. Ich dachte erst, er wollte sich bei mir beschweren, dass er nun noch mehr Arbeit aufgehalst bekommen hat, und überlegte einen Moment, ob ich das wegdrücke, aber er erzählte mir, dass der Klinikdirektor ihn auf Station im Gang abgefangen und gefragt hätte, wie lange er bereits im Dienst sei. "Ich hab gesagt: Das ist die dritte Schicht in Folge. Da hat er gesagt: Sie fassen nichts mehr an und fahren sofort nach Hause. Nehmen Sie sich ein Taxi, damit Sie keinen Unfall bauen. Er hat mich gefragt, was ich gerade mache und sich bei mir entschuldigt." - "Das hat er bei mir nicht gemacht." - "Der war richtig in Fahrt. Ich möchte nur mal wissen, wen er jetzt alles von zu Hause geholt hat, denn außer uns beiden waren ja nur noch zwei weitere Leute da. Mit denen können sie unmöglich den Tagdienst machen." - "Ist das mein Problem?" - "Nö. Meins auch nicht. Ich habe bis Montag frei." - "Ich auch."

Kommentare :

FiAsKo_ hat gesagt…

Da sieht man mal wieder, daß es mindestens zwei Sorten von Vorgesetzten gibt.
Die einen sind Vorgesetzte, die wissen wie sie dort hin gekommen sind.
Die anderen, weil als die Stelle zu besetzen war kein besserer da war.
Und leider findet dann später keiner eine Möglichkeit einen der letzteren dort dann wieder wegzukriegen....

Anonym hat gesagt…

Seh ich das richtig..du solltest quasi das Wochenpensum eines normalen Arbeiters in nichtmal 2 Tagen ableisten...was wäre passiert, wenn aufgrund von deiner Übermüdung jemand zu Schaden gekommen wäre...ich finde es unverantwortlich von deinen Vorgesetzten, so etwas überhaupt zu verlangen...wenn das der Allgemeinzustand in unseren Kliniken ist, stell ich mir die Frage in was für einem Land leben wir denn...

Zypresse hat gesagt…

Ganz ehrlich: als Patientin kann ich nur hoffen, dass die Ärzte die mich behandeln ausgeschlafen sind und humane Arbeitszeiten hatten. Das schreit doch nach Fehlern aus Übermüdung (und unnötiger Ungeduld mit Patienten und Angehörigen, die Fragen und Sorgen haben - einfach weil Ihr den Kopf dicht habt).

Ein wunderbares und erholsames Wochenende!

Anonym hat gesagt…

Hui!
Gut, dass du den Hintern in der Hose hattest an dem Punkt "Nein" zu sagen, dein Kollege hätte die Trippelschicht ja offensichtlich so durchgezogen. Und gut, dass der Chef da so auf eurer Seite steht.

Jetzt weiß ich gerade nicht, ob ich hoffen soll, dass das hohe Wellen schlägt - in der Hoffnung, dass sie etwas ändert - oder ob ich hoffen soll, dass es keine Wellen schlägt und das nicht negativ auf dich/euch zurück fällt.

Heute noch bei Twitter gelesen, dass in irgendeiner Münchner Klinik die Hebammen jetzt in ihrer Freizeit die Pflege vertreten, weil auf der Geburtenstation kein Personal da ist. Da greift man sich doch auch nur an den Kopf.

Antjes Stempelgarage hat gesagt…

Alles richtig gemacht!

Schön, dass dein oberster Chef da nicht blöd kommt, sondern reagiert. Gibt es auch nicht überall.

Anonym hat gesagt…

Ich will die Reaktion des Chefs nicht kleinreden, aber er MUSS euch heimschicken.
Wenn irgendwas passiert, auch ein Unfall auf der Heimfahrt, nimmt ihn die BG mit in Haftung, weil er auch dafür verantwortlich ist, dass ihr eure Arbeitsezit nicht überschreitet.

Anonym hat gesagt…

Ich frage mich, warum für Ärzte andere Arbeitszeitbestimmungen gelten, als für andere Arbeitnehmer. Ein LKW-Fahrer zB darf nur eine bestimmte Anzahl Stunden pro Tag arbeiten, muss in dieser Zeit in bestimmten Abständen Ruhepausen einlegen. Dies wird mit einem Fahrtenschreiber kontrolliert und bei Kontrollen von der Polizei überprüft. Und wenn sich herausstellt, dass der Fahrer sich nicht an die Ruhezeiten gehalten hat, dann gibt es Ärger. Aus gutem Grund, denn bei Übermüdung kann es leicht zu Unfällen kommen.

Der Beruf des Arztes ist deutlich anspruchsvoller. Ein Fehler kann ähnlich schlimme Auswirkungen haben, wie bei einem LKW-Fahrer. Aber bei Ärzten wird nicht kontrolliert, wie lange sie arbeiten? Schon 12 Stunden Stationsdienst allein dürften zu viel sein. Wer ist nach 10, 11 Stunden Arbeit noch voll konzentriert? Dann noch mal 12 Stunden Bereitschaftsdienst anhängen halte ich für kriminell. Denn nach 12 Stunden Arbeit ist man fertig und gehört ins Bett. Aber das, was du schilderst, schlägt dem Fass den Boden aus. Nicht nur, dass es Raubbau an deiner eigenen Gesundheit ist. Es ist auch unverantwortlich gegenüber den Patienten, die du betreuen sollst, wenn du an den Stations- und Bereitschaftsdienst noch mal einen Stationsdienst anhängen sollst. Gut, dass dein oberster Chef wenigstens richtig reagiert hat.

Ich wünsche dir ein schönes Wochenende. Erhol dich gut!

Edelnickel hat gesagt…

Nach einem 24h Dienst noch einmal 12h zu verlangen finde ich grob fahrlässig. Dass damit niemand mehr in der Lage ist, korrekt zu handeln, zu entscheiden und überhaupt irgendwie zu funktionieren, sollte Medizinern eigentlich klar sein... Dachte ich.

Anonym hat gesagt…

Servus!

Ein sehr mutiger Schritt. Nur leider hast Du Dir vermutlich auch viel Ärger eingehandelt. Der Chefarzt wird die Oberärztin betonieren, und die wird ihren Frust an Dir auslassen. Trotzdem hattest Du gar keine andere Wahl, weil bei einem Fehler durch Übermüdung haftest Du mit, da Du Dich der Einlassungsfahrlässigkeit schuldig machst. Eine klassische loose-loose Situation. Der Chefarzt kann froh sein, dass Du die undankbare Augabe des whistle blowers übernommen hast, weil solche Arbeitszeiten gegen so ziemlich jedes geltende Recht verstoßen und sich die Klinik a priori des Organisationsversagens schuldig macht, sprich dass die Organisation solche Missstände zulässt. Das kann zur straf- und zivilrechtlichen Verfolgung des Organisationsleiters führen, da der Chefarzt persönlich haftet. Dass der von nichts weiß, wirft kein gutes Licht auf ihn. Deswegen auch seine ruppige Reaktion als Du zu Recht kritisiert hast, dass er von den überlangem Arbeitszeiten nichts weiß. Bin sehr neugierig wie das weitergeht.

Anonym hat gesagt…

24-h-Schichten sind in Krankenhäusern ja normal. Und ich finde es unmöglich. Wir dürfen im Büro nicht länger als 10 Stunden am Tag arbeiten, weil man danach zu übermüdet ist und auf der Heimfahrt einen Unfall bauen könnte. Aber Ärzte, die am Menschen arbeiten, die sollen ständig 24 Stunden arbeiten? Ist doch kein Wunder, dass so viele Arztfehler passieren (bzw. eigentlich ist ein Wunder, dass nicht mehr passieren). Das gehört abgeschafft. Ganz dringend.

Anonym hat gesagt…

Ich verstehe eh nicht, warum Arbeitsrecht offensichtlich im medizinischen Bereich nicht gilt. Wie kann es sein, dass Auszubildende (!) in der Pflege 10 bis 12 Tage am Stück durcharbeiten? Ich dürfte nichtmal freiwillig mehr als 48 Std/Wo arbeiten oder mehr als 10 Std/Tag aber von einer 18jährigen wird erwartet, dass sie sie ohne freien Tag 100 Stunden am Stück schiebt? Gerne auch mal spät/früh, egal ob die 11 Stunden Ruhezeit eingehalten werden? Weil fünf Tage in Woche 1 und fünf Tage in Woche 2 liegen? Das macht doch die Qualität der Arbeit nicht besser.