Mittwoch, 28. November 2018

Kampf-Lesbe

Im Jahr 2018 werden junge Schüler gefragt, wie eine Familie entsteht. Laut dem inzwischen vorliegenden Lösungsmuster gibt es die volle Punktzahl bei: "Ein Mann heiratet eine Frau und zeugt ein Kind mit ihr."

Ich finde, dass nicht nur die Schüler Fehler machen dürfen. Ich hätte es stark gefunden, wenn die Lehrerin, die nicht mehr die Jüngste ist, etwas nachliest und sich eingesteht, dass ein großes Stück gesellschaftliche Entwicklung unbemerkt an ihr vorbei gezogen ist. Sie war in einem Trott, hat jedes Jahr dieselben Tests geschrieben, ist vielleicht schon lange ausgebrannt ... keine Ahnung.

Da mit ihr nicht zu reden war und sie mich, obwohl ich super freundlich war und ihr diverse diplomatische Brücken am Telefon gebaut habe, fragen musste, ob ich "eine kleine Kampf-Lesbe" sei, habe ich mich anschließend direkt mit dem Schulleiter unterhalten. Das fand ich echt unglaublich und irgendwann ist dann auch mal Schluss. Seine Meinung: "Ich kann der Kollegin ihre Ansicht von Partnerschaft und Familie nicht vorschreiben. Aber die darf nicht der Maßstab für eine Leistungsbeurteilung sein."

Danke. Mehr wollte ich gar nicht hören. Die Tatsache, dass Fragen wie beispielsweise nach der Funktionsweise der Temperaturmethode nur zwei Punkte gaben, während das vorgenannte Familienbild mit fünf Punkten bewertet wird, unter Ausschluss sinnvoller Antworten, lässt in mir die Vermutung aufkommen, dass hier nur die Sonne scheint, wenn alle Kinder ihren Teller homophobe Grütze mit Milch brav aufgegessen haben.

Nein, das mit der Kampf-Lesbe habe ich nicht gepetzt. Darüber kann ich auch alleine laut genug lachen. Ich gehöre zwar auch zu jenen Menschen, die nicht jeden gendersensiblen Formulierungsvorstoß passend finden. Allerdings: Eine Lehrkraft, die meine vermutete Homosexualität auf beleidigende Weise an völlig unpassender Stelle thematisiert, verhält sich übergriffig. Bevor sie da nicht an sich arbeitet, wäre ich strikt dafür, den Sexualkunde-Unterricht künftig anderen Personen zu übertragen.

"Rapunzeln" kam übrigens nicht von ihr sondern von Helena. Ich muss gestehen, ich finde diese Umschreibung irgendwie süß.

Und während ich nach Dienstschluss in meiner Alltagskleidung im Krankenhausflur stehe und auf den Aufzug warte, sehe ich beim Blick aus dem Fenster einen wunderschönen Sonnenuntergang. Hinter mir sprechen zwei ältere weibliche Subjekte: "Oh nein, die arme Frau. Das ist ja nun wirklich kein Leben mehr."

Ich drehe mich um, möchte wissen, ob ich gemeint sein könnte. Oder ob sich vielleicht zwei Kolleginnen einen Scherz mit mir erlauben. Ich bin gemeint. Und es sind weder Kolleginnen, noch ist es ein Scherz. Bevor ich überlegen kann, ob ich darauf etwas erwidere, fragt mich diejenige, die schon den ersten Spruch rausgehauen hatte: "Wie lange geben Ihnen die Ärzte denn noch?"

Ich habe einen Moment lang mit dem Gedanken gespielt, im Vorbeirollen ein paar Backpfeifen zu verteilen, bevor ich mich dann doch wieder dem wunderschönen Sonnenuntergang zugewandt und die blöden Schrippen alleine mit dem Aufzug vorweg fahren lassen habe. Man soll sich ja nicht provozieren lassen. Und ich glaube, sie wollten mich provozieren. Denn so kaputt sehe ich nun wirklich nicht aus, dass man denken könnte, mein Ableben stünde unmittelbar bevor.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Also jetzt komme ich nicht mehr mit, und will nicht mitkommen. Nun ist doch das Gründen einer Familie das Normalste der Welt. Wobei der Trauschein sekundär ist. Aber liebe Fr Doktor: auch Ihnen sollte es nicht ganz unbekannt sein, dass gleichgeschlechtliche Partner kaum ein Kind zeugen und austragen können. Wenn sich ein gleichgeschlechtliches Paar zur Adoption entscheidet, so mag das heute gesellschaftlich anerkannt sein, aber ein Normalzustand stellt es nicht dar. Man kennt auch die Auswirkungen auf die kindliche Psyche nicht genau, weil ein aufwachsendes Kind benötigt als Vorbild Mann und Frau. Ich empfinde daher die Kritik an der Lehrerin als ungerecht. Ihre Reaktion war sicher auch nicht in Ordnung, aber so wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.

NewRaven hat gesagt…

Die "richtigste" Antwort wäre wohl "länger als vermutlich Ihnen. Einen schönen Tag noch" gewesen.

(Und noch ne kleine Offtopic-Sache, weil ich mich bisher noch nicht wieder mit Kommentaren zurück gemeldet habe: schön, dass du wieder da... also... hier... bist. Ich wusste noch, dass der erste aktuelle Blog-Beitrag, den ich hier gelesen habe, von Ekel-Gabi handelte und sehr... äh... plastisch formuliert war - weshalb mir das auch so im Kopf geblieben ist... und nun seh ich, dass das mittlerweile schon fast 9 Jahre her ist... 9 Jahre, in denen die teils skurrilen Ereignisse in deinem Leben nie so wirklich abgerissen sind und in denen ich langsam alt geworden bin -.-* )

Anonym hat gesagt…

Temperaturmethode? So etwas wird mittlerweile gelehrt? Mein Sexualkundeunterricht (an einem Gymnasium) ist nun zwar nun (verglichen mit der Entwicklung in den letzten Jahren) schon recht lange her, aber auch nicht viel mehr als 12 Jahre. Und das wurde bei uns nicht behandelt.

War aber vermutlich auch recht gut. Immer dran denken, die "Fehlerrate" bei der Methode liegt bei 5 (5 von 100 werden innerhalb eines Jahres schwanger), also eigentlich nur zu gebrauchen für Paare, bei denen Grundsätzlich ein Kinderwunsch besteht, aber eben nur wenn "Kinder wären schon toll, aber nach Möglichkeit erst in ein paar Monaten". Sonst lieber nicht...

Bei solchen dummen Schrullen, wie die beidem aus dem Krankenhaus hast du doch früher auch nicht den Mund gehalten. Ich hätte irgendeinen Kommentar gebraucht wie "Ich als Ärztin gebe Ihnen nur noch so und so lange".

Die nymphomane Laterne hat gesagt…

Au weia, du Arme, das ist doch kein Leben, wenn man sich dauernd so einen Scheisselkram anhören muss *scnr*

Bewundernswert, was du alles herunterschlucken kannst.
Aber andererseits hast du Recht, man kann sich nicht über alles aufregen. Da ist die five-by-five-rule ein guter Ratgeber, wie ich finde: "if it's not gonna matter in 5 years, don't spend more than 5 minutes upset by it"

Schön auch, dass du der Lehrerin nix gesagt hast. Ich persönlich würde mir das ja für später speichern und falls es noch mal eine Konfrontation gibt, würde ich ihr einen Spruch drücken zum Thema sexuelle Orientierung und von WG nicht auf Beziehung schließen. Irgendwie sowas.

Anonym hat gesagt…

Wow, erstmal muss ich meine Gedanken sammeln.... Ich weiß aus meinem KH-Alltag, dass man wirklich lernt mit solchen Dingen umzugehen, indem man es nicht persönlich nimmt. Aber in diesem Fall hätte ich alle angesprochen. Den Schulleiter, damit er weiß welch Beleidigungen man ertragen muss. Es war vielleicht nicht das erste Mal, vielleicht müssen auch die Kinder manchmal auch so seltsame Dinge anhören. Man kann solch eine Einstellung haben, man darf sie aber bitte heute nicht frei vermitteln dürfen.
Und zu dem netten Duo im Krankenhaus: Du hast wahrscheinlich total müde ausgesehen vom Dienst, da kann man dir baldiges Ableben doch schon mal zugestehen. Ich hätte geantwortet, dass du sicher länger lebst als die Damen und wäre fröhlich lächelnd in den Fahrstuhl gerollert.

Anonym hat gesagt…

Ich fürchte, das war nicht als Provokation gemeint. Manche Leute denken einfach so. Gerade Ältere.

Mich fragte neulich eine sehr nette ältere Dame, die mich sicher nicht ärgern wollte: "Haben Sie denn auch die Möglichkeit, ein wenig berufstätig zu sein?"

Als ich ihr sagte, dass ich seit dem Ende meines Studiums in Vollzeit arbeite, kam "Oh, dann hatten Sie aber eine gute Förderung."

(Nein. Hatte ich nicht. Ich bin einfach zur Schule und zur Uni gegangen, wie alle anderen auch.)

Die M. hat gesagt…

Morgen allerseits,

"Ich kann der Kollegin ihre Ansicht von Partnerschaft und Familie nicht vorschreiben. Aber die darf nicht der Maßstab für eine Leistungsbeurteilung sein."

Er kann ihr aber eventuell vermitteln, dass ihre persönlichen Ansichten nur bedingt der Realität entsprechen und lehrplankompatibel sind.

Die "korrekte" Antwort ist doch einfach Humbug.

Zu den zwei alten Dämchen wäre mir eingefallen: "Welche Ärzte? ICH bin hier die Ärztin!"

Schönen Tag dir, Jule, und auch allen Lesern.

Es grüßt
die M.



Hana Mond hat gesagt…

Krasse Sache - der Test schließt ja auch absolut konvervative Lebensmodelle wie "Frau heiratet Witwer mit Kind" oder "Hetero-Ehepaar adoptiert Waise" als Familie aus.
Ich finde gut, dass du dich an den Direktor gewendet hast ... Lehrer sind auch nur Menschen, aber diesen Fall finde ich schon extrem.

Edelnickel hat gesagt…

"Wie lange ich noch habe? Sehr wahrscheinlich länger als Sie!"

July hat gesagt…

« weil ein aufwachsendes Kind benötigt als Vorbild Mann und Frau »
Es gibt sehr wohl studien die belegen das die genderfrage bei Erziehung und Entwicklung der kindlichen psyche keine Rolle spielen.... bei der Vater/Mutterrolle handelt es sich um eine symbolische funktion das Geschlecht der Eltern ist Nebensache....wichtig ist nur die aufrichtige Liebe und Zuwendung.
Zum Glück sind Kinder nicht so engstirnig wie manche Kommentatoren hier ....und diese schlaue Lehrerin.
Ps. Bin keine Kampflesbe...;-)

Anonym hat gesagt…

Der die ist der sogenannte „Schrägpass„.

ThorstenV hat gesagt…

Na Jule, wie lange gibst Du dir denn noch?
Ausweiauweiauwei. Entschuldigung, aber das kann selbst ich hier, der ich es nur lesen und nicht selbst erleben muss, nur noch mit Zynismus ertragen. Was haben wir hier für verstrahltes Personal auf dem Raumschiff Erde.

Leider kein bisschen wundern mich dieser merkwürdige Sexualkundeunterricht.
https://uebermedien.de/25645/die-luege-von-der-sex-broschuere-fuer-kita-kinder/

ThorstenV hat gesagt…

@ Anonym Anonym hat gesagt...

"Also jetzt komme ich nicht mehr mit, ..."

Keine Sorge, falschen Information und Fehlschlüssen aufsitzen kann jedem passieren. Das kann man korrigieren.


"... und will nicht mitkommen."

Da wird's schon schwieriger.


"Wenn sich ein gleichgeschlechtliches Paar zur Adoption entscheidet, so mag das heute gesellschaftlich anerkannt sein, aber ein Normalzustand stellt es nicht dar."

Wie ist hier "Normalzustand" definiert? Sind verschiedengeschlechtliche Adoptiveltern ein Normalzustand?


"Man kennt auch die Auswirkungen auf die kindliche Psyche nicht genau, ..."

Aha.


"... weil ein aufwachsendes Kind benötigt als Vorbild Mann und Frau."

Aber das wissen wir genau? Beweis?

Anonym hat gesagt…

Eigentlich wissen wir das Gegenteil, es gibt eine Reihe Studien die belegen, dass es Kindern im Schnitt in Homosexuellen Partnerschaften sogar besser geht (was aber an dem expliziten Kinderwunsch vs dem "ups wir haben ein Kind bekommen" in Hetero-partnerschaften liegen kann).
Das ignorieren aber alle konservativen Kräfte mal wieder.
Entspricht ja nicht der Norm.
Der erste Kommentator (warum gehe ich bloß von nem Mann aus...) hat aber generell diese ganz unangenehmen Tonfall drauf. Von oben herab, er weiß alles besser - der wird sich hier in einer Kommentarspalte nicht überzeugen lassen.

Anonym hat gesagt…

"... weil ein aufwachsendes Kind benötigt als Vorbild Mann und Frau."

Aha, und das müssen die biologischen Eltern sein, oder was?

Die Idee, dass eine Familie aus Vater, Mutter, Kind besteht, ist eben das: Eine Idee, die in den westlichen Staaten für ein paar Jahrhunderten die Norm war. Davor und daneben gab es Großfamilien, in denen der ganze Clan das Kind aufzog, Ammen wichtige Bezugspersonen waren, oder Großmütter oder Geschwister. Heute ist es selbst bei Heteropaaren nicht mehr die Norm, dass Mann und Frau bis zum Lebensende zusammenbleiben. Es gibt Stiefgeschwister, Halbgeschwister und was die Patchworkfamilie noch so alles hervorbringt. Von den tausenden Alleinerziehenden will ich gar nicht sprechen. Deren Kinder geraten trotz angeblich fehlendem Partner irgendeines Geschlechts zu genauso so normalen Menschen, wie die Kinder, die von einer anderen Konstellation an Erziehern und Vorbildern aufgewachsen sind, vielen Dank auch!