Sonntag, 25. November 2018

Rapunzeln

Unsere konzeptionelle Bewerbung für Helena haben wir Mitte dieses Monats offiziell eingereicht. Die formellen Voraussetzungen erfüllen wir, das örtliche Jugendamt hat keine Bedenken, Maries Eltern haben schriftlich zugesagt, uns bei Bedarf zu unterstützen, in der Schule und der anschließenden Tagesbetreuung gibt es keine nennenswerten Probleme, der Vormund ist "grundsätzlich einverstanden", lässt sich aber von der fachlichen Einschätzung des derzeit betreuenden Jugendamtes leiten. Wir drei wollen nach wie vor unbedingt. Einige Menschen um uns herum sind vorsichtig optimistisch, dass das klappen wird, andere behaupten sogar, dass die das nicht mehr ablehnen können ... wir sind gespannt und hoffen, dass die Entscheidung noch in diesem Jahr gefällt wird. Damit einige Dinge endlich mal einen Schritt weitergehen und für alle lieber heute als morgen Klarheit herrscht.

In ihrer Schule sind sie derzeit mit Sexualkunde-Unterricht beschäftigt. Helena kommt aus der Schule, hüpft zuerst bei Marie auf den Schoß und fragt: "Marie, darf ich dich mal was extrem Intimes fragen? Also was richtig ganz extrem Intimes?" - "Na sicher. Darf ich mir nach der Frage aber noch überlegen, ob ich das beantworten möchte?" - "Ähm ... ja. Okay. Also. Wie soll ich das fragen? Ähm: Haben deine Eltern dir jemals das ... ähm ... Rapunzeln verboten?" - "Das Rapunzeln? Ist es das, was ich denke?" - "Ja. Genau das."

Ich sitze im Nebenzimmer und spitze die Ohren. Was ist denn mit ihr los? Marie sagt: "Nein. Warum sollten sie das tun?" - "Keine Ahnung." - Helena flitzt zu mir, springt bei mir auf den Schoß, hält sich an mir fest. "Jule?" - "Meine Eltern haben mir das Rapunzeln auch nicht verboten. Aber ich muss dazu sagen, dass ich, solange ich zu Hause gewohnt habe, das auch nicht gemacht habe. Aber sie hätten es mir auch nicht verboten. Wer verbietet sowas?" - "Ich weiß es nicht, ich glaube, die Eltern von der [Mitschülerin]. Sie hat ganz extrem nachgefragt, ob Eltern so etwas verbieten dürfen. Also ob so ein Verbot zählt." - "Ach du liebe Zeit. Aber du kennst die richtige Antwort dazu." - "Na klar. Mein Körper gehört mir und wer ihn anfassen will, braucht mein Okay." - "Das sowieso. Und was Rapunzel angeht: Es ist immer nur schwierig, wenn andere das mitbekommen. Weil man das von anderen Leuten nicht ungefragt und unvorbereitet sehen will." - "Nein. Aber die [Mitschülerin] tut mir leid." - "Das hat man früher sehr häufig gemacht, dass man das verboten hat. Man hat sogar den Kindern eingeredet, wenn sie das machen, würden sie krank werden. Das Rückenmark zerstört sich und sowas." - "Aber das stimmt nicht." - "Nein, und ich bin mindestens verwundert, wenn nicht sogar entsetzt, dass es sowas heute noch gibt."

In dieser Woche war ich mal wieder besonders stolz auf sie. Was ich ihr nicht in der vollen Breite zeigen möchte, was ich hier aber unverhohlen zugebe. Über Sexualkunde und Rapunzel werden zum Glück keine Tests geschrieben. Aus Gründen. Aber es wurde im Test die Frage gestellt: "Wie entsteht eine Familie?" - Kann man fragen, dann sollte man aber meiner Meinung nach aber nicht nur konservative Antworten zulassen. Helena hat aus meiner Sicht sehr klug geantwortet: "1. Durch den Wunsch, zusammen zu leben. 2. Durch die Geburt eines Kindes." - Leider war das der Lehrkraft keinen der fünf Punkte wert, den diese Frage vorsah. 'Heiraten und Kinder kriegen' hätte vermutlich die volle Punktzahl ausgelöst. Oder noch mehr. Helena möchte der Lehrerin einen Brief schreiben. Ich weiß noch nicht, ob ich das gut finde. Ich möchte brechen.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Hat die Lehrerin da vielleicht eine biologische Antwort erwartet? Wobei die Frage dann natürlich eher "Wie entsteht ein Baby?" hätte lauten müssen.

Anonym hat gesagt…

Ich (Mann) würde gerne wissen: Was ist Rapunzeln und wie kommt man dazu es so zu nennen? Das es nicht um Pflanzen oder Märchen geht habe ich ja verstanden, aber ... ich bin verwirrt.

Markus Schaber hat gesagt…

Mich würde vor allem interessieren, was den die gewünschte Antwort gewesen wäre - in meinen Augen sind genau die zwei Punkte das, was eine Familie ausmacht.

Wulf hat gesagt…

Da hat mich Helena gerade richtig zum Nachdenken gebracht und ich finde, dass sie auf jeden Fall schon viel Richtiges in ihren Antworten wiedergegeben hat. Mir wäre das mindestens 80 % wert gewesen. Den ersten Punkt würde ich persönlich noch etwas detaillierter ausformulieren: "Durch den Wunsch, zusammen zu leben, sich zu respektieren, zu lieben, füreinander einzustehen und den anderen so anzunehmen, wie sie oder er ist."
Für eine Jugendliche in Helenas Alter finde ich ihre Antwort aber schon ziemlich beachtlich und die Lehrkraft hätte gut daran getan, mal über den eigenen Erfahrungshorizont hinaus zu schauen, etwas Empathie zu zeigen und sich vorzustellen, welche persönlichen Erfahrungen Helenas Antwort zu Grunde liegen.

Fujolan hat gesagt…

Jessas. Ich Stände den nächsten Tag wutschnaubend vor der Lehrkraft. Genauso unmöglich wie „aber nur leibliche Verwandte und keine Halbgeschwister eintragen in den Stammbaum. Das damit 1 Onkel, , 2 Cousinen 1 Grsosvater verschwinden gepflegt ignorieren.

Haben die sich schon mal Familien im 12. oder 15. oder 21. Jahrhundert angeguckt? Sowas vernageltes.

Paterfelis hat gesagt…

@ Anonym vom 25.11. um 19:12 Uhr.

Es geht wohl ums Masturbieren. Und da Rapunzel in ihrem Turm lange Zeit ziemlich alleine gewesen sein dürfte, besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß sie das auch gemacht hat.

Fastdäne hat gesagt…

Moin, moin,
ich finde die Bewertung der Antwort mit 0 Punkten auch als falsch. In meiner Schulzeit wurden Arbeiten eigentlich besprochen, also die richtigen Lösungen vermittelt. Hat H. da was gesagt, was die richtige Lösung gewesen wäre?
Um das Gespräch mit der Lehrerin zu suchen, wäre für mich noch zu klären, welchen (rechtlichen) Status Marie und du bezüglich Helena habt. Möglicherweise darf die Schule gar nicht mit Euch sprechen, da ihr nicht die Erziehungsberechtigten seid.
Dann würde mich interessieren ob Rapunzeln eine Formulierung für den Blog ist oder ob Begriffe wie Masturbation, Onanie oder Selbstbefriedigung in der Schule immer noch tabu sind.
Gruß Frank

Die nymphomane Laterne hat gesagt…

Ich würde mit dem Duden antworten und argumentieren, dass laut Duden Helenas Antwort nicht falsch ist.

Mein Eindruck ist allerdings, dass die Lehrerin was Familienkonstrukte betrifft "von gestern" ist, da gabs doch schon mal die Stammbaumgeschichte...
Aus eigener, leidvoller Erfahrung weiß ich, dass man bei Lehrern gern gegen eine Wand redet, dass man ihnen mit Logik nicht beikommen kann und dass sie sich selbst gerne mal als was besseres halten als die Eltern. Das trifft GsD nicht auf alle Lehrer/innen zu aber doch auf manche und genau die machen einem das Leben schwer.
Ich würde an Helenas Stelle nochmal das Gespräch suchen und mich (mithilfe von Duden und einer Argumentationskette) drauf vorbereiten, ggf auch mit dem Direktor zusammen. Falls ihr die Punkte wichtig sind. Ansonsten würde ich drauf hoffen, dass sie nicht mehr allzu viele Familienthemen bei ihr hat und dass der nächste Lehrer da in der Realität lebt.

Anonym hat gesagt…

Das ist ähnlich der andauernden Diskussion, dass mein Mann und ich keine Familie sein können, weil ich keine Kinder bekommen kann. Keine Kinder - keine Familie. So einfach ist das. Wenn wir unbedingt eine Familie sein wollen, können wir ja einfach eins adoptieren. So einfach ist das. /s

Ja, zur biologischen Definition bedarf es von mir aus der Zeugungsfähigkeit und der Gebärfähigkeit... das macht uns aber sozial und wirtschaftlich trotzdem nicht weniger zu Familie. gmpf

Unknown hat gesagt…

Ich vermute mal, dass die Lehrerin im Test die Antwort lesen wollte, die im Unterricht besprochen wurde. Es gibt Lehrer, die nur das, was sie selbst lehren, als richtig anerkennen und alternative richtige Antworten ablehnen. Ich weiß nicht, warum sie sich so verhalten. Vielleicht ist es Unsicherheit? Keine Ahnung. Aber ich weiß, dass es kein Einzelfall ist. Und ich weiß auch nicht, welche Antwort die Lehrerin auf diese Frage erwartet hatte, denn ich hätte ähnlich wie Helena geantwortet.

Die M. hat gesagt…

Hallo allerseits,

bei dieser Sache wäre ich stark versucht, der Lehrerin zu schreiben, dass eine von mehreren richtigen Fragen auf die von ihr mutmaßlich gewünschte Antwort im Rahmen einer Folge der bekannten Quizshow Jeopardy vielleicht wie folgt hätte lauten können: „Beschreiben Sie, wie eine Frau und ein Mann unter Verwendung bestimmter Körperteile ein Kind zeugen können und welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen.“ Gefolgt von dem Hinweis darauf, dass sie sich auf Wikipédia mal den Unterabschnitt „Pluralisierung der Lebensformen (spätes 20. Jahrhundert)“ des Eintrags „Familie“ zu Gemüte führen könnte. So als Ausgangspunkt für weitere eigenständige Recherchen über die Neuzeit...

Hach.

Es grüßt
die M.

Anonym hat gesagt…

Naja, ich finde "durch den Wunsch zusammen zu leben" schon recht unkonkret. Wenn Freunde zusammen in eine WG ziehen hegen sie auch den Wunsch zusammen zu leben, eine Familie werden sie allein dadurch aber nicht.

Zudem fehlt mir der Kontext der Frage, um die erhaltenen Punkte zu bewerten.

Stephan hat gesagt…

Die erste Frage an die Lehrerin sollt sein: " Was ist eine Familie?"

Anonym hat gesagt…

Was richtige und falsche Antworten angeht, empfehle ich das Ende der Szene 26 aus https://simpsonspedia.net/index.php/8F15_Capsule

Außer in Mathe gibt es selten nur falsche oder richtige Antworten. In den Naturwissenschaften kann man sich oft auf Mathe zurückziehen und kann dann auch mit richtig oder falsch bewerten. Aber schon dort gibt es auch ungewöhnliche Antwortmöglichkeiten, die nicht falsch sein müssen (https://de.wikipedia.org/wiki/Barometer-Frage). Sie stehen nur eben nicht alle im Lösungsbuch.

Lehrer sind auch nur Menschen. Einige sind sich ihrer Verantwortung durchaus bewußt und handeln entsprechend, trotz teilweise erheblicher Widerstände. Andere machen Dienst nach Vorschrift. Und die meisten liegen irgendwo dazwischen, wobei die Tendenz im Alter wohl eher Richtung DnV geht.

Einigen wenigen Lehrern sollte man definitiv Jobs geben, bei denen sie weniger Schaden anrichten können. Von der Sorte habe ich zwei oder drei gehabt, die haben mich zwei Schuljahre gekostet.

Aber wegen der einen Frage würde ich jetzt keinen Riesenaufstand machen. Wenn sich das häuft, würde ich das Gespräch suchen. Hilft das nicht, würde ich das Problem eskalieren, sprich Schulleitung, Schulbehörde, usw. Aber wie gesagt, erst einmal durchatmen und entspannen.

Und vor allem kann ich nur empfehlen, was ich aus meiner Kindheit mitgenommen habe: Ich kann mich JEDERZEIT darauf verlassen, dass meine Eltern zu mir halten (Geschwisterstreitereien mal ausgenommen). Dazu gehört auch, die Besser-nicht-Lehrer gegebenenfalls mal ordentlich zusammenzufalten. Lehrer sind keine Halbgötter und haben nicht immer recht.

Ich muß zugeben, dass ich das stellenweise ziemlich übel ausgenutzt habe. Was hab ich die gehaßten Lehrer provoziert. "Wenn Ihnen das nicht paßt, rufen Sie doch meine Eltern an. Telefon 0123 - 456789." Eine hat's tatsächlich gemacht und sich (im übertragenen Sinne) eine ziemlich blutige Nase geholt.

Tux2000

Anonym hat gesagt…

Hallo,

das Helena der Lehrerin einen Brief schreibt und darin ihre eigene Situation erklärt, klingt für mich nach der besten Lösung. Besser als gar nicht zu reagieren und dann davon ausgehen müssen, dass Helena immer wieder unnötiger Weise mit so einem rückwärtsgewandten Scheiß konfrontiert wird, oder selbst die Lehrerin kontaktieren und damit rechnen müssen, dass sie daraufhin eingeschnappt ist, da sie das als Kritik auffasst.

Viele Grüße,
D.

Anonym hat gesagt…

Bevor per Brief irgendwas ausgeschüttet wird einfach erstmal nachfragen was denn die richtige Antwort gewesen wäre?
Manchmal wird da ja sowas verqueres erwartet worauf man ncht kommt ohne dreimal um die Ecke zu denken.
Oder ein Satz, den die Lehrerin drölfmal nebenbei als Notenrelevant erwähnt hat