Sonntag, 11. November 2018

Wilde Maus

Ganz lange - drei Jahre, um genau zu sein - war ich nicht mehr auf dem Hamburger Dom. Nee, das ist keine mit dem Rollstuhl erklimmbare Aussichtsplattform auf einer besonders großen oder besonders hübschen Kathedrale der Hansestadt, sondern ein Volksfest unweit der legendären Reeperbahn mit über 200 Schaustellern und mehr als 100 Gastronomiebetrieben. Über 10 Millionen Besucher zählt die Veranstaltung jedes Jahr. Den Namen hat sie aufgrund ihres ursprünglichen Veranstaltungsortes, dem ehemaligen Hamburger Mariendom, der um 1800 abgerissen wurde.

Man könnte vielleicht erwarten, dass mir kurz nach dem Tod meines Vaters der Sinn nicht nach Kirmes steht. Und trotzdem waren wir heute da und hatten viel Spaß. Und ich glaube sogar, dass es angemessen und gut war. Ja, der Tod meines Vaters ist ein emotionaler Moment, auch wenn wir in den letzten beinahe zehn Jahren keinen Kontakt mehr hatten, und er mich zuletzt wie den letzten Dreck behandelt hat. Aber dass ich mir jetzt aus moralischen oder ethischen Gründen eine Trauerzeit aufzwingen lasse, in der ich nicht lachen und keinen Spaß haben dürfte, sehe ich nicht ein.

Marie und ich hatten Helena schon seit Monaten versprochen, heute mit ihr das Volksfest zu besuchen, und sie hat sich bereits sehr darauf gefreut. Mit dabei waren Maries Eltern, bei denen wir vorher zum gemeinsamen Brunch verabredet waren. Helena, die vorher nach eigenen Angaben noch nie auf einem so großen Volksfest war, weil sie den 1,6 Kilometer langen Weg nicht schafft, bekam zum ersten Mal meinen alten Rollstuhl ausgeliehen. Zu Hause lässt sie keine Gelegenheit aus, um sich in Maries oder meinen aktuellen Stuhl zu setzen, sobald ich beispielsweise auf dem Sofa bin. Sie gurkt damit durchs Haus, kippelt damit herum und hat null Berührungsängste. Draußen war sie damit allerdings, von unserer Terrasse abgesehen, noch nie.

Es war proppevoll, was natürlich, weil Menschen nicht geradeaus gehen, sondern immer mal wieder stehen bleiben, rückwärts, seitwärts oder diagonal gehen, eine enorme Herausforderung war. Die Menschen gucken ja nicht, sondern stolpern seitwärts über uns oder springen plötzlich zur Seite, um mitten in einer Menschentraube Platz zu machen, obwohl man sowieso nur zwei Meter weiter kommt und schon seit fünf Minuten demjenigen langsam hinterherfährt. Ich würde behaupten, für Helena war es eine Herausforderung, die sie aber insgesamt sehr gut gemeistert hat. Und während sie zwischenzeitlich immer mal aufstehen konnte, um sich irgendeinem abgefahrenen Fahrgeschäft hinzugeben, musste ich mich von kräftigen Männern hineintragen lassen. In Autoscooter (mir tut noch alles weh), über Kopf drehenden Scheiß (mir dreht sich jetzt noch alles) und eine abgefahrene Geisterbahn, auf deren halber Strecke irgendein blutüberströmter Freak mit Kettensäge hinter uns herlief. Der gehörte aber zum Geschäft.

Marie musste mit Helena in die wilde Maus, eine Achterbahn, auf der einzelne Gondeln eher unsanft um die Kurven heizen. Und in irgendein Dreh-Katapult-Überkopf-Istmirschlecht-Teil, das immerhin so dicht neben der Kinder-Bimmelbahn lag, dass ich mich beim Zuschauen entscheiden konnte, ob ich lieber Awolnation oder den Wildecker Herzbuben zuhören wollte. Am Ende durfte sich unsere kleine wilde Maus noch einen klebrigen Liebes-Apfel mitnehmen und als sie gerade fünf Minuten im Auto saß, schlief sie bereits tief und fest.

Ich bin ganz froh, dass sie auf Wörter wie "Rollstuhl" oder "behindert" noch nicht so reagiert. Ich filtere diese und ähnliche Wörter inzwischen aus jeder Unterhaltung heraus. Heute sagte ein Paar, geschätzt um die 60 Jahre alt, während wir auf Marie und Helena warteten, zueinander: "Du, guck mal da! Die Familie da. Drei behinderte Kinder. Ich meine, wenn man eins hat und das zweite schon unterwegs ist, okay. Aber wie kann man mit 10 Jahren Abstand noch eins kriegen, wenn man schon vorher weiß, dass es behindert sein wird? Völlig verantwortungslos, sowas. Die armen Kinder."

Seine Frau antwortete: "Nicht so laut!" - Und Maries Mutter murmelte nur trocken: "Weißte Bescheid?!"

Kommentare :

FiAsKo_ hat gesagt…

Auf den Spruch mit den drei behinderten Kindern gibt's nur eine wirkungsvolle Reaktion!
"Und alle drei von verschiedenen Vätern ------- und verschiedenen Müttern!" ;-)

Anonym hat gesagt…

Da lässt man ein Pflegekind mit Rollstühlen spielen. Unglaublich.

Anonym hat gesagt…

Ein weiteres Indiz dafür,
wie krank diese Gesellschaft doch ist!

Hana Mond hat gesagt…

Ich finde, selbst wenn ein Mensch stirbt, dem man gerade sehr nahe stand, und man das Gefühl hat, dass die Kirmes einem gut tut, dass es einem gut tut, da zu lachen, sollte man das tun - der Umgang mit Tod und Verlust ist doch kein Wettbewerb, wer in die tiefste Depression verfällt.
(Aber in irgendwelche Überkopf-Drehdinger kriegen mich keine zehn Pferde ...)

Coffee hat gesagt…

@anonym ich hoff das war Sarkasmus- oder soll ich jetzt meinem Freund verbieten sich in meinen Rolli zu hocken?
oder mich gar deswegen trennen? sieht extrem ulkig aus, wie er mit seinen 1,90 in meinem rolli hockt, die maße passen null
(bin grad mal 1,60). wer will darf sich in meinen rolli hocken, sofern er fragt, ich seh da kein Problem.
und nem Gehbehinderten Kind nen Rolli zu leihen, damit es zum ersten mal auf ne Kirmes darf- find ich super!
Mich wundert nur, dass ihr der Rolli halbwegs passt.
Ich liebe übrigens sämtliche Achterbahnrn, hab nur teilweise Angst um mein Genick, weil die Halsmuskulatur mittlerweile
auch nachlässt... dass der Kopf nach hinten und vorne geschleudert wird, ist sicherlich nicht gut,

Dem Typen mit den 3 Behinderten Kindern hätt ich übrigens geantwortet- der soll ruhig wissen, dass ihrs gehört habt und
bissl Bildung schadet nie.

Andrea hat gesagt…

Was soll denn auch dagegen sprechen nach dem Tod Deines Vaters aufs Volksfest zu gehen. Trauer heißt doch nicht, dass man weinend zu Hause sitzt. Alles was sich für Dich okay anfühlt ist okay, da hat keiner drüber zu urteilen, ob das angemessen ist.
Meine Mutter war schwer krebskrank und als die Klinik anrief und Bescheid sagte, dass sie nicht mehr richtig weckbar ist ,haben wir entschieden, dass sie ihren Weg gehen darf ohne weitere intensivmedizinische Intervention. Damit war auch klar, dass ich es nicht mehr in die Klinik schaffe bevor sie verstirbt. Statt dessen war ich mit meinen Kindern baden.
Und ein paar Tage nach der Beisetzung waren wir auch auf einem großen Volksfest. Und das war auch gut so.

Simone hat gesagt…

Ich dachte bisher, dass es nur "die eine" Wilde Maus gibt. Tatsächlich ist das kein individuelles Fahrgeschäft, sondern ein eigener Achterbahn-Typ. Wonach man nicht alles googlet, wenn man deinen Blog liest, haha. Viele Grüße an Marie und Helena und weiterhin alles Gute für euch.

Anonym hat gesagt…

Ich gestehe auch schon den Gedanken gehabt zu haben Helena für größere Distanzen einen Rolli zu besorgen. Anderseits, und das brauche ich einer Ärztin nicht zu erklären, besteht die Gefahr, dass sie das gehen verlernt.