Sonntag, 2. Dezember 2018

Aufräumen, Anfall

Am Freitag muss ich unters Messer. Na gut, Messer ist übertrieben. Aber geschnibbelt wird schon. Oder vielleicht auch nur gestanzt. Unter meinem Fuß habe ich einen Pigmentnävus, also einen Leberfleck, den meine Hautärztin gerne entfernen möchte. Genauer genommen sind es zwei in einem, von denen einer asymmetrisch und in seiner Begrenzung unscharf ist. Für mich ist das unter dem Fuß weniger ein kosmetisches Problem, sondern ein gravierendes, was die Heilung der Wunde angeht. Da meine Füße weniger durchblutet sind und kaum bewegt werden, wird der Heilungsprozess wohl keine 10 bis 14 Tage, sondern eher zwei Monate dauern. Aber was sein muss, muss sein. Ich will ja nicht, dass daraus irgendwann mal ein Melanom wird.

Für die Wohnung meines Vaters haben wir eine Werkstatt für behinderte Menschen mit der Entrümpelung der Wohnung beauftragt. Emma und ich haben uns am Freitag dort erneut getroffen, um das zu begleiten. Pünktlich um acht Uhr morgens rangierte ein Lkw mit Hebebühne rückwärts auf den Parkplatz, zwei Personen saßen drin. Für einen Moment dachte ich, das wäre falsch kalkuliert worden, obwohl ich Fotos von der Wohnung per Mail geschickt hatte.

Doch dann kam noch ein vollbesetzter Kleinbus. Sieben Männer und Frauen, alle mit Sicherheitsschuhen, sandfarbener Latzhose, dunkelblauem Firmen-Hoody und Arbeitshandschuhen ausgestattet, stellten sich brav auf. Der Mensch, der den Lkw gelenkt hatte, kam auf mich zu und gab Emma und mir die Hand. Ich rollte dann einmal durch die Runde, um auch den anderen acht Leuten die Hand zu drücken.

Einer von ihnen fragte gleich: "Oh, du sitzt im Rollstuhl. Hast du auch Arbeit?" - "Ja, hab ich." - "Das ist super!", antwortete er und klopfte mir auf die Schulter. "Im Büro?", fragte er weiter. Ich antwortete: "Nein, in einem Krankenhaus." - "Oh, da möchte ich nicht arbeiten. Da sind ja lauter kranke Leute!" - "Mir macht das Spaß." - "Ich arbeite beim Möbel tragen. Das ist anstrengend. Aber besser als Gärtnerei. Da war ich vorher. Da hatte ich immer Husten und Schnupfen, weil wir immer draußen waren. Möbel tragen ist besser." - Sein Kumpel gab ihm einen Stoß in die Rippen: "Wir sollen nicht so viel sabbeln, wir sind zum Arbeiten hier." - Er rieb sich grinsend seine Hände und konnte es kaum erwarten, dass es los ging. Dann sagte er zu sich: "Und immer dran denken: Wir können keinen Schaden gebrauchen. Nicht gegen die Wände ballern und die Türrahmen ganz lassen." - Ein anderer, sehr kräftiger Typ, sagte: "Wie kannst du am Morgen schon so viel labern, ey!"

Nachdem das geklärt war, wurde sondiert. Die Gegenstände, die noch brauchbar waren, bekamen eine Kennzeichnung und sollten zum Schluss heruntergetragen werden. Alles andere nahm seinen Lauf. Irgendein Nachbar stand plötzlich in der Wohnung und kam auf mich zu: "Was ist denn hier los?" - "Wohnungsauflösung." - "Ist er im Heim? Oder ... verstorben ist er nicht, oder?" - "Mein Vater ist verstorben, ja." - "Oh, das tut mir leid. Ich habe mich immer schon gefragt, ob er keine Kinder hat, die sich um ihn kümmern, aber Sie sind ja auch behindert. Sind das alles Schwachsinnige, die hier heute helfen?" - "Nein." - "Aber normal sind die doch nicht, oder?" - "Doch, völlig normal." - "Ich dachte, das wären Schwachsinnige, ich habe den Lkw mit der Aufschrift draußen gesehen." - Ich wandte mich ab. Hätte er nochmal 'Schwachsinnige' gesagt, wäre mir der Kragen geplatzt. Zum Glück waren alle so beschäftigt, dass sie das nicht mitbekamen. Emma übernahm das Wort: "Am besten gehen Sie jetzt mal wieder aus der Wohnung, wir haben hier zu tun. Guten Tag!"

Die Aufgaben waren klar verteilt. Ein Anleiter schraubte zusammen mit einem Mitarbeiter die großen Möbel auseinander, alle anderen trugen den ganzen Kram die Treppen runter. Der andere Anleiter stand unten und belud den Lkw. Nach drei Stunden war der gesamte Sperrmüll im Auto. Einschließlich des ganzen Gerümpels aus dem Keller. "Wir fahren das jetzt weg und machen Pause, anschließend räumen wir dann die Sachen aus, die bei uns aufbereitet und weiterverwendet werden."

Um 14 Uhr war die Wohnung besenrein. Während die ganzen Leute unten an den Fahrzeugen warteten, füllte jemand mit mir die Papiere aus. Ich fragte: "Dürfen Ihre Mitarbeiter Trinkgeld bekommen?" - "Nachdem alles erledigt ist, ja." - "Was wird da so gegeben?" - "Das ist unterschiedlich. Bei so einem Auftrag zwischen zwei und zwanzig Euro. Einige geben aber auch gar nichts." - Mit Blick darauf, dass diese Menschen durchschnittlich etwa 160 bis 180 Euro im Monat verdienen, über die sie frei verfügen dürfen, stellt sich mir die Frage nach einem Trinkgeld nicht. Es ist alles zügig abgearbeitet worden, es ist nichts beschädigt worden - das hätte eine andere Firma auch nicht besser gemacht. Ich war entsprechend vorbereitet und gab sieben Leuten jeweils 20 Euro. Alle bedankten sich, mein redseliger Freund, der nicht im Krankenhaus arbeiten wollte, klatschte in die Hände und sagte: "Das hat sich ja mal wieder gelohnt! Und das nimmt mir keiner weg! Trinkgeld ist Trinkgeld! Das kommt zu Hause gleich in meine Spardose." - "Worauf sparst du denn? Darf ich das wissen?" - "Auf ein Tablet. Filme gucken bei Youtube. Aber keine Pornos, dann wird Nina richtig sauer. Die kann richtig ausrasten." - "Nina ist deine Freundin?" - "Wir sind Silvester acht Jahre zusammen. Guck!", sagte er und zeigte mir nicht etwa ein Foto von ihr, sondern acht Finger.

Da der Mietvertrag eine unwirksame Renovierungsklausel hat, werden wir die Wohnung nur besenrein übergeben. Der Vermieter hat sich bereits darauf eingelassen. Er wollte lediglich eine Sterbeurkunde sehen und hat die Kündigung, die eigentlich erst zum 28. Februar möglich wäre, zum 15. Dezember akzeptiert. Vermutlich will er keinen Leerstand und ab Januar neu vermieten. Oder ist froh, wenn das Kapitel ein Ende hat. Oder dass er nicht selbst aufräumen musste. Keine Ahnung.

Worüber ich sehr sauer bin: Die Stelle, die seine Pension zahlt (er war Beamter), hat seine Bank über seinen Tod informiert. Mit der Folge, dass die das Konto gesperrt hat und alle Abbuchungen zurückgerufen hat. Mit entsprechenden Gebühren. Miete, Telefon, Strom, Zeitungs-Abo. In Zeiten, in denen Datenschutz groß geschrieben wird, ist das höchst interessant. Die Bank möchte einen Erbschein, vorher reden sie nicht mit mir. Sagenhaft!

Auf dem Rückweg, keine zehn Kilometer vor meinem Zuhause, die Ostsee ist schon in Sichtweite, steht auf einer Bundesstraße im Tempo-50-Bereich, am Ende einer Ortschaft, ein Kleinwagen am gegenüberliegenden Straßenrand. Daneben, auf dem Gehweg, liegt eine Frau. Ein Mann, vermutlich der Fahrer, schüttelt und rüttelt sie. Hatte er sie angefahren? Mein Herz beginnt zu rasen. Da die Straße frei ist, fahre ich nach links auf die andere Straßenseite, schalte das Warnblinklicht ein und kann so auf der Gehwegseite aussteigen. Der Mann ist völlig hektisch. Rollstuhl zusammenbauen, Handy mitnehmen. "Was ist passiert?"

"Meine Freundin hat im Auto einen Anfall bekommen und um sich geschlagen. Sie ist Epileptikerin. Sie blutet aus dem Mund." - Die Frau lag ruhig auf dem Gehweg und atmete tief. "Drehen Sie sie mal bitte auf die Seite. Nicht, dass das Blut in die Lunge läuft. Und haben Sie eine Decke im Auto? Holen Sie die mal bitte." - "Sie hat hier so ein Medikament, das soll ich ihr geben, hat sie mir mal gesagt. Das kommt in den Po." - Er war völlig überfordert und drückte mir ein Valium-Klistier in die Hand, rannte aufgeregt auf und ab. "Holen Sie mal bitte die Decke", sagte ich. Ich setzte mich aus dem Rollstuhl auf die Erde, mit angewinkelten Knien auf meine Fersen, und drehte sie in die stabile Seitenlage. Blut lief ihr aus dem Mund. Sie hatte sich offenbar auf die Zunge gebissen. Ich kniff ihr mit aller Kraft in den Oberarm. Sie verzog das Gesicht. "Ihre Freundin schläft nur. Atmung und Puls sind völlig normal." - "Sie braucht dieses Medikament." - "Das braucht sie nur, wenn der Anfall nicht aufhört. Wie lange hat sie gekrampft?" - "Vielleicht eine Minute. Sie war vorher schon so merkwürdig still und angenervt. Sind Sie sicher, dass sie das Medikament nicht braucht?" - Ich sagte ihm, was ich beruflich mache und im selben Moment entspannte sich sein Gesicht, seine ganze Haltung, und er fing zu weinen an. - "Tschuldigung", sagte er und drehte sich weg. "Ich kann sie nicht leiden sehen."

Hauptsache, er kippt mir nicht auch noch um. Weitere Autos hielten nach und nach an. Merke: Sobald einer Erste Hilfe leistet, kommen weitere dazu. Leistet keiner Erste Hilfe, möchte kaum einer der Erste sein, und alle fahren vorbei. Zum Glück fing niemand an, mit dem Handy zu filmen. Womit man ja heute immer rechnen muss. Ich schickte die Leute weg. Ein Rettungswagen sei unterwegs. Das erschien mir angesichts des überforderten Freundes die beste Lösung zu sein. Gefühlte zehn Minuten später kam der Rettungswagen. Als die Sanitäter sie auf die Trage hoben, machte sie die Augen auf und guckte mich an, seufzte tief. Sprach wenige Worte. Wollte ins Krankenhaus. Am Ende saß ich völlig durchgefroren wieder im Auto. Vielleicht sollte ich mir, wie Maries Mutter, doch mal einen Notfallrucksack ins Auto stellen. Problem dabei ist nur: Die Anschaffungskosten trage ich. Die Kosten für den ständigen Ersatz der Medikamente, die mal Frost und mal Hitze abbekommen, auch. Das Risiko, dass einer das Auto knackt, um an die Tasche zu kommen, wäre sehr hoch. Und für einen vernünftig sortierten Rucksack legt man gut und gerne 500 Euro oder mehr hin. Hingegen soll der Rettungsdienst, der den ganzen Kram an Bord hat, nach acht bis zehn Minuten vor Ort sein. Das kann zu spät sein, und dann werde ich mir Vorwürfe machen. Andererseits ... ach, ich weiß nicht.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Bei deinem Idiotenmagnet wäre ein solcher Rucksack vermutlich tatsächlich keine schlechte Idee. Auch wenn dann natürlich genau dann was passiert wenn du mit dem Bus oder sonstwie ohne auto unterwegs bist. Ggf kannst du schauen, ob du mit einer Notaufnahme oder dem Rettungsdienst unter der Hand einen Regelmäßigen Tausch von Medikamenten, Infusionen etc. hinbekommst? Dann würde sich das regelmäßige ablaufen in Grenzen halten. Bedeutet aber natürlich entsprechenden Aufwand und du musst jemanden finden der das mitmacht.

Anonym hat gesagt…

Du beschreibst, dass Du Dich neben die Frau auf die Strasse kniest/ setzt. Dazu habe ich eine Frage: Ich bin selbst so fehlsichtig, dass ich mich ohne Brille in fremder Umgebung nicht (visuell) orientieren kann. Ich würde meine Brille in unvertrauter Umgebung nie, nie, niemals freiwillig aus der Hand geben. Wie schaffst Du es, in solcher Situation Deinen Rollstuhl zu verlassen? Machst Du eine blitzschnelle Risikokalkulation oder handelst Du eher intuitiv?
Hochachtung, wieder mal super gemacht.
- Ada

Jule hat gesagt…

@Ada: Der Rollstuhl bleibt ja in meiner Nähe und ich komme ohne fremde Hilfe wieder hinein. Von daher: Kein Problem.

Anonym hat gesagt…

Also Jule, ich habe mir eine abgespeckte Version in Form einer Notfalltasche für etwa 200€ geholt. Die enthält zumindest einen Beatmungsbeutel und eine Absaugpumpe... meine Ekelschwelle ist sehr niedrig, sollte aber eine Hilfeleistung nicht be- bzw. verhindern. Außerdem enthält sie den Kram aus einem DIN-Verbandkasten und Einweghandschuhe. Das kleine Pulsoximeter ist auch sehr praktisch...
Die Sanis aus den RTWs füllen meist auch bereitwillig verbrauchte Sachen vor Ort wieder auf - zumindest bei uns hier.
Also ich kann dir sowas nur sehr empfehlen.

Frau Geh hat gesagt…

Von mir als Intensivdoc ein klares Nein zur Notfalltasche mit Medis, aus den von dir genannten Gründen.
In meinem Auto befindet sich lediglich ein Einmalambubeutel. Höchstens noch ein paar VVKs und ne Infusion.

Feststelltaste hat gesagt…

Hatte auch mal vor 25 Jahren einen suspekten Leberfleck auf einer Rippe. Nach Ausstanzen tat mir die Rippe wochenlang weh. Der Hautarzt war aus meiner Heimatstadt, hatte mir dann einen Kollegen in meiner Unistadt 300 km entfernt empfohlen für Folgeuntersuchungen, insbesondere einen weiteren Leberfleck solle der im Auge behalten. Der meinte dann ganz lapidar, wenn man gerne schneide wie der Kollege Dr. X, dann könne man das machen.

Gehe ab und zu noch zum Screening, mittlerweile noch ganz woanders, und habe den Eindruck, die Hautärzte sind diesbezüglich auch entspannter geworden.

Ein anderer Aspekt, der auf dem Weg dahin ist, alte Dogmen zu verdrängen:
- Melanome entstehen auch dort, wo gar kein Sonnenlicht hinkommt (z.B. Speiseröhre)
- schon um 1910, also lange vor Sonnenmilch beobachtete man in Kalifornien, dass Land- und Bauarbeiter zwar mehr weißen, recht gut behandelbaren Hautkrebs bekamen, hinter Glas (läßt nur UV-A durch) sitzende Büroarbeiter aber mehr Melanome. Dazu gibt es einen schönen Review-Artikel von Prof. Holick aus Boston, ist über pubmed frei verfügbar.

Sally hat gesagt…

Alles Gute für den Fuß!
Mir wurden im August 2 Nävi auf der Kopfhaut raus geschnippelt, nachdem der erste gar nicht der war, um den es ging... Seufz.
Die Kopfhaut stand die ersten Tage so unter Spannung, dass jede Erschütterung weh tat. Sehr unschön.

Aber gut, dass die Wohnung jetzt leer ist!Und dass so tatkräftige Unterstützung da war.

Stephan hat gesagt…

Versuchs mit Fundraising;) genug Follower hast Du ja

Anonym hat gesagt…

Ich hab mir eine Notfalltasche angeschafft, vor allem aber, weil ich im Theater öfters ärztlich anwesend bin und nicht fürs Auto.
So eine Tasche kannst du übrigens von der Steuer absetzen. ;)
Einige wenige Medikamente führe ich mit, die ich regelmäßig austausche (geht in der Klinik ganz gut). Ansonsten sind es eher so Dinge wie Bludruckmessgerät, Pulsoxy, BZ-Messgerät, Stethoskop, ein paar Viggos in verschiedenen Größen plus Fixierung, Ambubeutel, SAM-Splint, Tourniquet, Entlastungskanüle (Spanungspneu) (gibt ein paar Theaterstücke bei uns, wo die Schauspieler sehr hoch oben sind. Bei den Proben ist es schon zu Unfällen gekommen, daher die letzten 3 Dinge).
Im Auto würd ich noch nen Stiffneck mitnehmen. Der Gedanke: es gibt ein paar (wenige) Notfälle da kommt es auf jede Minute an und da will ich besser handeln können als ein Laie. Ich bin entsprechend qualifiziert und routiniert (aktive Notärztin und Anästhesistin) und würde mir Vorwürfe machen, wenn ich in so einer Situation nicht handeln könnte. Was ich mitführe ist aber ganz klar eine kleine Tasche mit durchdachtem Inhalt (passt in meinen Fahrradkorb). Ich will mich weder aufspielen, noch wichtig machen. Aber gerade aus meiner eigenen notärztlichen Tätigkeit weiß ich, dass man zwar alles tut um schnell vor Ort zu sein, aber manchmal leider nicht so klappt.